|
Nach meiner sechsjährigen Liebe zu Lost, war ich vom Serienende etwas unbegeistert und tat, was ich am liebsten tue, ich schrieb mir das Ende so, wie ich es gern gesehen hätte.
Falls Ihr Lust habt, Euch das einmal anzusehen, hier ist mein alternatives Lost-Ende.
~ A Lost Story ~
Written by Willow
Was war schon Zeit? Eine Aneinanderreihung von Sekunden, die wiederum nur Zahlen waren. Erfunden so wie Dosenöffner und Telekommunikation, um etwas zu erleichtern, das keinen Einfluß auf etwas anderes als sich selbst hatte, erst vermißt wurde, war es einmal dagewesen. Zeit spielte nur eine Rolle, wenn man ewig lebte, ihnen allen dabei zusehen mußte, wie sie kamen, sich verloren, suchten, fanden und dabei immer nur eine Frage hinter sich zurückließen: War das alles, jeder einzelne gegangene Schritt, jeder geführte Kampf, jede verbissene Träne, jeder über allem nagende Zweifel nun ihr Schicksal … oder nicht?
***
Die Insel verschwand. Einfach so. Genau vor ihren Augen. In einer Sekunde kantige grüne Felsen und Senken schön wie aus einem Märchenbuch … und in der nächsten nur noch das Meer, weit und tief und unerbittlich, wohin sie sich auch wandten. Welcher Moment in eines Menschen Leben sollte mehr schocken können, berühren, lösen, aufwirbeln, erstarren lassen, mit allem, was man je über die Welt, das Leben und die Regel in ihr gehört, gelernt oder eingetrichtert bekommen hatte, zu brechen? Grund genug, nie wieder auch nur irgend etwas zu vertrauen. Grund genug, nie mehr einen eigenen Schritt zu wagen, ganz gleich in welche Richtung. Eine Insel verschwand von der Welt, man selbst war noch da. Kate, Sun, Jack, Sayid, Hurley, Frank Lapidus … nicht mal das Baby gab einen Laut von sich. So winzig klein, so schutzlos. Vielleicht sahen sie alle es an und begriffen, so durfte das nicht zu Ende gehen. Vielleicht tat der pure Überlebensinstinkt auch schlicht, was er immer tat, wenn das eigene Leben in Gefahr schwebte, ließ keinen Raum für Fragen und kaum genug Gedanken für die Person auf dem Nebensitz, weil das Bedürfnis, der Drang, Rettung zu finden, alles andere überdeckte.
Aber nach der Rettung kamen sie zurück. All die Gedanken, quälenden Fragen, die Ratlosigkeit, die Gewißheit, nichts war mehr so wie es gewesen war und könnte es auch nie mehr sein. Schön, die Erde war noch, war wieder da, sie alle standen nach dem Abschied von ihren Rettern Penny und Desmond fest mit den Füßen darauf, wurden willkommen geheißen, gefeiert sogar, behandelt wie das absolute Gegenteil von allem, was sie fühlten, und was blieb da anderes, als wenigstens zu versuchen, sich damit zu arrangieren? Es gab ja so viele verschiedene Wege.
Manchen Menschen gelingt es in so einem Moment tatsächlich, das Leben zum aller ersten Mal in vollen Zügen zu genießen, so wie Sayid, nachdem er Nadia fand. Wer könnte es ihm verübeln. So viele Jahre der Sehnsucht, Suche, Kämpfe und Ungewißheit, da zählte jede Sekunde, war ein Geschenkt, war tausendmal besser als alles, was hinter ihm zurückgeblieben war.
Andere Menschen stellen die eigenen Bedürfnisse und Gefühle über die Erinnerungen an das alte Leben zurück, um ein neues zu schützen, so wie Sun es tat.
Andere suchen sich einfach einen neuen Lebensinhalt, so wie Kate, als sie aller Welt sagte, Aaron sei ihr Baby und sich mit ihm zum ersten Mal ein eigenes Zuhause schuf.
Wieder andere lassen sich von ihren eigenen Schuldgefühlen in den Ruin treiben, körperlich, mental, seelisch, so wie Jack. Dazu braucht es nicht viel Zeit. Schuldgefühle lauern gern, lauern immerzu, machen es manchen Menschen so leicht zu glauben, sie wären alles, woraus das Leben noch besteht.
Und dann wieder gibt es noch ganz andere Dinge, die jemanden heimsuchen können. Geister zum Beispiel, wenn man sie denn so nennen kann und will. So viele Worte auf der Welt, welches trifft schon jemals die Situation für den jeweiligen Menschen hundertprozentig? Am Ende ist alles relativ, nur nicht das, was wir, wir alle, fühlen.
*
Es war nicht in diesen ersten Tagen, in denen alle Welt den Oceanic-6 auf den Leib rückte, sie von Pressetermin zu Pressetermin scheuchte, die Oceanic-Fluggesellschaft sie aus Angst vor noch mehr Imageverlust mit Geld überschüttete und jeder sie behandelte, als wären sie Popstars. Nein, es dauerte eine gute Woche, ehe Hurley zum ersten Mal das Gefühl bekam, selbst hinter der geschlossenen Tür seines Zimmers im großen goldglitzernden Haus seiner Eltern nicht allein zu sein. Der Moment dann, als er Charlie tatsächlich vor sich sah, war kein Traum, kein Wunsch, nicht mal eine etwas verzerrte Erinnerung, war nur purer lähmender Schock.
Nicht mal weglaufen konnte er, weil alles erstarrt war, er in der Luft um sich herum. Nur Charlie, der bewegte sich, vor allem auf ihn zu, lächelte, nickte, tat, als wäre es ein ganz normaler Besuch eines ganz normalen Freundes, und was noch viel schlimmer war als immerzu denken zu müssen, sie hatten ihn auf der Insel nicht mal zu beerdigen vermocht, war daß Charlie nicht aufhörte zu reden.
Die Worte immer dieselben.
„Du weißt, warum ich hier bin. Ich weiß, daß du es weißt. Alles lief schief. Ihr hättet niemals so die Insel verlassen dürfen. Nichts ist so gekommen, wie es hatte kommen sollen, und jetzt sind sie in Gefahr. Sie brauchen dich.“
Ein Gespräch wie dieses über Stunden, Tage, eine ganze Woche … irgendwann kam es ihm vor, als hätte er nie in seinem Leben andere Worte, eine andere Stimme gehört. Am Ende hallten sie selbst noch nach, wenn Charlie längst nicht mehr zu sehen war.
Sie brauchen dich.
Sie brauchen dich, Hugo.
Du weißt, daß sie dich brauchen.
Was blieb zu tun?
Natürlich war es einfach, sich zu sagen, das war alles nur eine Überreaktion. Die Nerven, wenn zu lange angespannt, zu viele seltsame und schlimme Dinge erlebt, verschafften sich ein Ventil, um Schuldgefühle und Ängste abzubauen und sich zu viele offene Fragen doch auf erleichternde Weise beantworten zu lassen. Dave war damals ganz sicher nicht sein erster Phantasiefreund gewesen, und er hatte sich lange genug in Santa Rosa aufgehalten, um zu wissen, warum gewisse Dinge sich im eigenen Kopf und selbst vor den eigenen Augen abspielten. Aber was er niemals zuvor erlebt oder gehört oder gespürt hatte, war von einem Toten eine Ohrfeige zu bekommen. Das war neu, das war nicht okay, das ließ sich mit keiner Theorie seiner Welt einfach so erklären. Aber da gab es ja klügere Menschen als ihn, einer von ihnen zweifellos Dr. Brooks.
* Auf der Insel *
Chaos mochte das richtige Wort für das sein, was auf der Insel passierte, nachdem der Frachter versunken war. Nur war es mehr als das, war verchaostes Chaos. Es war ja nicht nur der Boden, der buchstäblich unter ihren Füßen schwankte, es war, als würde in ihren Köpfen jemand karussellfahren, sich ganz nach Belieben Teile aus dem Hirn, den Empfindungen, Wahrnehmungen und vor allem der Orientierung herausnehmen, sie herumwirbeln und verformen und am Ende achtlos wieder zurück in den Schädel stopfen. Kopfschmerzen nicht das Schlimmste, das danach zurückblieb.
Als Rose und Bernard so kopflos auf sie zugerannt waren und lamentierten, das Camp sei verschwunden, hatte Sawyer noch gedacht, wer brauchte schon ein verdammtes Camp, wenn er sonst nichts mehr hatte. Leere Zelte ganz sicher nichts, was er in diesem Moment sehen wollte, vor allem in dem Wissen, sie würden auch leer bleiben. Aber das waren sie ja nicht mal, waren gar nicht mehr da. Nur Sand, ein paar Steine, Muscheln und Dschungel.
Sie viele verwirrte Blicke. Juliet, Miles, Charlotte … den gleißenden Himmel hatten sie alle gesehen und doch noch nie eine so absolut irrsinnige Theorie gehört.
„Stellt euch die Insel vor wie eine Schallplatte, die sich auf einem Plattenspieler dreht, nur daß die Platte jetzt springt. Was auch immer Ben Linus unten in der Orchideenstation getan hat, ich glaube, es könnte uns aus der Zeit vertrieben haben“, sagte Daniel, der kleine abgedrehte Physiker, und klang, als wäre das auch nicht verrückter als aus einem verdammten Hubschrauber zu springen, um zum allerersten Mal in seinem Leben etwas heldenhaftes zu tun, und dabei am Ende der einzige zu sein, der überlebte.
„Euer Camp ist noch nicht errichtet worden.“
„Weil die Insel durch die Zeit reist?“
„Ja, entweder die Insel reist oder wir, und da ist kein Weg zu sagen, wie oft uns das jetzt passieren wird.“
Beim nächsten Lichtblitz wagte sich ein Hauch Hoffnung hervor, kam von irgendwoher, packte Sawyer und Juliet auch, weil die Luke plötzlich wieder da war, die Zeit wieder vorgesprungen, der einzige Gedanke in ihren Köpfen, wenn es der richtige Moment war, könnten sie die anderen warnen, sie davor bewahren, überhaupt zum Frachter zu fliegen. Doch Daniel schüttelte den Kopf. Einfach so.
„Nein, nein. Das ist sinnlos.“
„Sinnloser, als in ein Loch im Boden zu starren?“
„Bis ihr wieder am Strand seid, könnte das Camp längst wieder weg sein.“
„Ja, aber was wenn nicht? Teufel noch mal, was wenn der Hubschrauber noch nicht gestartet ist?“
„So funktioniert das nicht. Du kannst nichts ändern. Selbst wenn du es versuchen würdest, es würde nicht funktionieren.“
„Wieso nicht?“
„Die Zeit … die ist wie eine Straße, okay? Wir können uns auf der Straße vorwärtsbewegen und auch rückwärts, aber wir können keine neue Straße erschaffen. Wenn wir versuchen, auch nur irgendwas anderes zu machen, werden wir immer scheitern. Was immer auch passiert ist, ist passiert.“
„Woher weißt du soviel darüber, Danny-Boy?“
„Weil ich mein gesamtes Erwachsenenleben mit dem Studium von Zeit und Raum verbracht habe. Ich weiß das alles, weil in dem Tagebuch in meiner Tasche alles drin steht, was ich über die Dharma Initiative und ihre geheimste Mission der Zeitreisenforschung hier gelernt habe. Ich bin hier, weil ich weiß, was passiert.“
„Na wenn das nicht der Traum aller Träume ist, zu hören zu kriegen, wann man wie draufgeht und nichts dagegen machen zu können“, knurrte Sawyer und wandte sich ab. Juliet rief ihm nach.
„James… wo willst du denn hin?“
Er ging weiter.
* In der inselfernen Welt *
Santa Rosa war schön. Richtig schön. Gutes Essen, großer Garten, kein Grund sich zu wundern, wenn irgendwer irgendwas sah, aber alle anderen nicht … Dr. Brooks fragte nicht mal, warum. Er lächelte nur. Murmelte etwas, das klang wie: „Wer soll so viel Streß auch schon aushalten …“, und meinte damit doch zweifellos höchstens Kamerateams hinter Hausecken und tagelanges gelogenes Herumtreiben auf dem Meer. Kam Charlie, reichte ein Schrei: „Schwester, Schwester, bringen Sie mich wieder rein, mir geht’s nicht gut!“ Und schon kam jemand, so fürsorglich und verläßlich, nahm ihn mit und sagte dabei niemals, es wäre aber nicht besonders nett, einen Freund mit einem so traurigen Blick in den Augen einfach stehenzulassen. Santa Rosa war klasse und das genau bis zu dem Tag, als Libby kam.
Hurley hätte schwören können, sie fuhr in einem Auto vor, stieg aus dem Anstaltstransporter, wurde von Dr. Brooks persönlich in Empfang genommen. Aber Dave sagte: „Mann, du träumst schon wieder“, stieß ihn mit dem Ellbogen an, und Hurley wachte auf. Lag in seinem Bett. Die Decke über ihm so weiß trotz der Dunkelheit, die Wände ringsum nicht minder, mittendrin Charlies blaue Augen.
„Morgen.“
„Sieht nicht aus, als wäre es schon morgen“, murmelte Hurley und wußte, wenn er hier und jetzt den roten Alarmknopf hinter seinem Bett drückte, würde er nichts anderes hören als das Flattern des Timers aus der Luke, der zurück auf 108 Minuten sprang. Unsinnig oder nicht. Er WAR in einem verflixten Irrenhaus, verdammt noch mal.
„Ich meinte, morgen mußt du endlich loslegen. Die Zeit ist um. Oder willst du wirklich dein Leben lang hierbleiben?“
„Ja, ja will ich. Ich find’s toll hier. Beste Zeit, die ich je hatte.“
„So? Mit mir?“
„Charlie …“
„Hurley, du mußt es tun. Du mußt. Das ist die einzige Möglichkeit. Die anderen da auf der Insel sterben, einer nach dem anderen. Kannst du damit leben?“
„Aber was soll ich denn machen? Und wieso ausgerechnet ich?“
„Meine Güte, warum mußt du das so kompliziert machen? Kannst du nicht einfach ja sagen und zurückkommen?“
„Nein, kann ich nicht. Hast du überhaupt eine Ahnung, wieviel es uns gekostet hat, von da wegzukommen?“
„Ja. Ja, ich erinnere mich“, sagte Charlie da, so leise, so ohne jeden Vorwurf, daß Hurley schlucken mußte, keine Worte mehr fand, ihn nicht mal mehr ansehen konnte.
Und dann war er weg und Libby da.
Einfach … da, und sie zu sehen so … anders. Es war einfach anders. Ihre Gestalt nur verschwommen, weil ihm Tränen in die Augen traten. Seine Stimme in seinen eigenen Ohren kaum zu hören.
„Libby …“
Sie hörte sie schon.
„Hallo Hugo. Es ist so schön, dich zu sehen.“
„Libby … es tut mir so leid, was da auf der Insel, daß er … daß du …“
„Schon gut. Schon gut“, sagte sie und war so nah, ihre Hände an seinen. All das trotzdem immer noch kein Traum. „Das ist einfach passiert, du hättest nichts tun können, niemand hätte das. Aber … wenn du dahin zurückgehst, so wie Charlie es sagt, dann …“
„Dann was?“
„Dann wird sich alles ändern.“
„Was willst du damit sagen? Dann passiert es nicht? Michael erschießt dich nicht und … ich meine, wie? Wie soll das gehen, es ist Monate her.“
„Geh einfach zurück, Hugo. Tue es und nimm die anderen mit. Dann wird alles besser. Wirklich.“
„Aber … wie? Ich meine, wie soll ich es den anderen sagen? Die werden nicht zurück wollen.“
„Vielleicht kann ich dir dabei helfen“, klang Bens Stimme hinter ihnen auf, und wäre Libby nicht auf einen Schlag verschwunden, hätte Hurley sich nicht mal umgedreht.
„Du … bist du auch tot?“
„Nein, Hugo, ich bin nicht tot“, sagte Ben, klang wie immer, sah aus wie immer, vor allem diesen Hauch … unheimlich, der immer alles besser zu sein lassen schien, als zu lange vor ihm stehenzubleiben.
„Beweis es. Aber nicht mit einer Ohrfeige oder so. Das gilt nicht. Das können anscheinend alle.“
„Nun, hier sind die Schlüssel zu meinem Wagen, er steht draußen an der Straße, und ich möchte, daß du jetzt mit mir zusammen da einsteigst.“
Die Schlüssel flogen auf das Bett. Sahen aus wie alle Schlüssel auf der Welt. Funkelten, ganz sacht.
Hurley saß still.
„Was denn, hast du schon mal einen von denen einen Wagen fahren sehen?“
„Nein, aber … wie bist du hergekommen?“
„Ich bin schon immer dahingekommen, wo ich hinwollte. Eine Nervenheilanstalt ist nicht gerade Fort Knox, weißt du.“
„Nein, ich meine hierher, in diese … Welt.“
„Ich hab die Insel verlagert, erinnerst du dich? Darum ist sie vor euren Augen verschwunden.“
„Wie hast du das gemacht?“
„Tut das wirklich was zur Sache?“
„Ja …“
„Wieso? Warum klammert ihr euch alle immer an die unwichtigen Kleinigkeiten, wenn es doch einzig und allein um das Resultat geht, oder etwa nicht? Die Insel mußte einen anderen Platz finden, um nicht zerstört zu werden, ihr müßt wieder zur Insel zurück, um eure Freunde zu retten. Das ist, was zählt, alles andere ist nur der Weg, der zum Ziel führt. Das ist es, was man Mittel zum Zweck nennt.“
„Du weißt also, was auf der Insel vor sich geht?“
„Tue ich“, sagte Ben so wunderbar spontan.
„Und du … du hast einen Plan…?“
Lächelte.
„Natürlich habe ich den.“
Und so fing es an.
* Auf der Insel *
Als Juliet Sawyer fand, stand er auf einem Hügel und sah mit gerunzelter Stirn in die Senke hinein, die sich weit vor seinen Füßen ausbreitete.
„Was ist da?“
Antwortete nicht. Rührte sich nicht. Guckte nur. Schob die Hände in die Hosentaschen, als sie neben ihm stehen blieb.
„Ist das das Dharma-Dorf?“
Sie hatte nicht gewußt, sie waren so weit gegangen, und es sah auch nicht wirklich so aus, wie sie es kannte. Aber da waren Häuser, allesamt klein, noch nicht gelb und noch nicht alle fertiggebaut. Standen zwischen Baumaschinen, Baumaterialien, umringt von Stapeln gefällter Bäume. Menschen waren keine zu sehen. Zu hören nur ein fernes Pochen.
„Also, wann wurden die gebaut?“ fragte Sawyer.
„Woher soll ich das wissen?“
„Du hast da gelebt.“
„Aber nicht mit Dharma.“
„Na ja, soweit ich mich erinnere, seid ihr Anderen die Wissenschampions schlechthin. Oder gilt das nur für potentielle Kidnappopfer oder Inselkriegsspiele.“
„James …“
„Nein, ich meine das ernst. Einmal im Leben könnte was zu wissen vielleicht sogar was bringen, und du willst mir hier sagen, du hast ausgerechnet im Dharma-Geschichte-Grundkurs schlecht abgeschnitten oder den sogar ausfallen lassen?“
„Es ist nicht deine Schuld, daß sie es nicht zum Frachter geschafft haben.“
„Was? Was hat das mit irgendwas zu tun?“
Sie sagte nichts, sah ihn nur an. So ein finsterer Blick. Ließ ihr keine Zeit, etwas hinzuzufügen. Im nächsten Moment war er schon einen ganzen Schritt weit weg.
„Wie auch immer, ich hab’s satt, mich ständig irgendwas zu fragen.“
Machte Anstalten, den Hügel hinunterzugehen.
„James, was machst du denn?“
„Sie fragen, was denkst du denn? Und wenn ich schon mal dabei bin, können sie mir vielleicht auch gleich so ein Haus bauen, jetzt wo unser Camp weg ist. Ich hab keine Lust, irgendwo im Dschungel zu schlafen, und die haben doch noch genug Zeug übrig.“
„Aber du kannst nicht einfach da reinspazieren. Was willst du denen sagen?“
„Keine Ahnung, vielleicht hey, ich bin hier gestrandet, sieht aus als wärt ihr das auch, also vielleicht können wir unsere Mangos von jetzt an brüderlich teilen oder so was. Und wenn die nicht auf Mangos stehen, dann leg ich eben die richtigen Sachen auf den verdammten Tisch …“
„James, warte“, rief Juliet verhalten, denn selbst wenn das Dorf so fremd aussah und leer dazu, sie wußte, Stimmen flogen weit, vor allem in so viel Stille. Aber kaum hatte auch sie einen Schritt getan, klang das Summen wieder auf, quietschte in den Ohren, das Dorf verschwand vor ihren Augen in gleißendem Licht, und der Schmerz im Kopf dröhnte zu heftig, nicht in die Knie zu gehen.
Das Gras so kalt unter den Fingern. Auch Sawyer hockte am Boden. Warf ihr einen Blick zu.
„Bist du okay?“
„Ja. Du?“
Vielleicht nickte er, vielleicht hob er auch nur den Kopf, weil nicht weit hinter Juliet auch Miles und Daniel auftauchten. Nicht Charlotte allerdings, die ging zu Boden, kaum war das Summen verstummt. Juliet sprang auf, lief zurück. Daniel kniete schon neben ihr, versuchte ihren Kopf bequemer zu betten, das Blut von ihrer Nase und ihrer Wange zu wischen. Versuchte, ihre Hand zu halten. Die zitterte.
„Ist schon gut, Charlotte, das hört alles wieder auf. Alles wird wieder gut, hörst du mich?“
Es war nicht leicht zu sagen, ob sie ihn hörte, aber dafür verstand Juliet mehr als ihr lieb war.
„Du hast gewußt, daß das passieren würde?“
„Ich dachte … ich dachte, es könnte vielleicht.“
„Was ist es? Was ist los mit ihr?“
„Ich glaube, es ist etwas Neurologisches. Unsere Gehirne haben eine innere Uhr, ein Gefühl für die Zeit. Die Lichtblitze … sie bringen diese Uhr durcheinander. Das ist wie bei einem wirklichen üblen Jetlag.“
„Ein wirklich übler Jetlag läßt einen nicht bluten, Daniel.“
„Ich weiß, ich weiß, ich versuche ja auch nur, dir begreiflich zu machen …“
„Was, daß uns allen das nach und nach auch passieren wird?“
„Ich hoffe nicht“, sagte Daniel und klang dabei genau so wie Lapidus im Hubschrauber, als er sagte, er hoffe, der Sprit würde bis zum Frachter reichen.
Sawyer biß sich auf die Lippen. Wandte trotzdem den Blick nicht ab von den kleinen Häusern, die jetzt alle strahlend gelb waren, verziert von Blumengärten, einem Spielplatz, lauter fröhlich im Wind flatternden Dharmafähnchen.
* In der inselfernen Welt *
Wie brachte man jemanden dazu, etwas zu tun, das er nicht tun wollte?
Nun, es war ganz einfach. Die Strategie immer, immer erfolgreich. Alles, was man brauchte ein offenes Auge für die Schwächen der Menschen und das hübsche Talent des richtigen Wortes zur richtigen Zeit. Mit der passenden Betonung, versteht sich. Ben wußte, was er tat.
Bei Kate war es besonders einfach. Kaum eine Herausforderung, denn natürlich war sie tief in ihrem Herzchen nicht damit einverstanden, Sawyer auf der Insel zurückgelassen zu haben, und dabei war „einverstanden“ bei weitem nicht das richtige Wort. Ben wußte, wie es sich anfühlte, jemanden zu vermissen. Sich zu wünschen, er wäre da, hier, gleich an seiner Seite, nicht woanders, weil dieses woanders immer zu weit weg war, nicht nur wenn es sich dabei um eine mysteriöse Insel irgendwo im Pazifik handelte. Woanders konnte auch im Nachbarhaus sein, jahrein, jahraus. Sogar im selben Zimmer, als Bild in einem Rahmen verkleidet. Wenn man nicht bekommen konnte, was man wollte, war vor allem man selbst immer woanders, und dieses Gefühl allein schmerzend genug, jede Möglichkeit, das zu ändern, mit offenen Armen zu begrüßen. Aber Kates Arme hielten Aaron, ganz fest. Ihr Blick so anders, als sie vom Baby zu ihm und Hurley hinübersah.
„Was macht ihr denn hier?“
Ja, was machten sie hier. Hurley hatte zig entschuldigende Worte, hundert verlegene Lächeln und wahrscheinlich tausend Gründe, am Ende trotzdem noch zu sagen: „Na gut, ist schon okay, wenn du nicht willst, dann bleib lieber hier, ist sowieso sicherer, wenn du mich fragst.“
Aber Hurley war ja nicht der einzige hier, nicht der richtige für diesen Job, ließ sich leicht genug vom Baby ablenken, ihm die Bühne freizugeben. Natürlich wäre es eine Lüge gewesen, wollte Ben behaupten, er hätte es nicht genossen. Jeder Mensch mochte irgendwas. Daß nur die wenigsten derartige Dinge je aufrichtig vor sich selbst zugaben, machte ihn ganz sicher nicht zu einem schlechteren Menschen als sie es waren, selbst wenn Kates Blick so selbstgerecht stach, als hätte sie in ihrem ganzen Leben noch nie, niemals jemandem auch nur das winzigste Haar gekrümmt.
„Ihr könnt machen was ihr wollt, aber ich geh hier nicht weg.“
„Warum denn nicht? Etwa wegen Aaron?“
„Er braucht mich. Er hat niemanden mehr.“
„Na das ist ja nun nicht so wirklich wahr, oder?“
Und dann fehlte nur noch ein winziger Schritt, näher an sie heran, die Stimme einen Hauch leiser, und die Gewißheit, sie würde sich so sehr wünschen, sie könnte ihn mehr hassen als sich selbst, war unausweichlich.
„Du bist nicht seine Mutter, Kate. Was denkst du dir nur? Glaubst du, das … das hier, Haus und Kuscheltiere und warme Decken und ein Fläschchen nachts um vier … das ist es, was es bedeutet, das Richtige zu tun? Ein Kind seiner Familie vorzuenthalten? Du bist nicht mal mit ihm verwandt.“
Natürlich fing sie nicht an zu weinen oder so was. Sie blieb verbissen bei ihrer Meinung und warf sie beide aus dem Haus. Doch Ben wußte, sie würde sich eine ganze Nacht schlaflos im Bett herumdrehen und sich davon zu überzeugen versuchen, was für ein guter Mensch sie doch war, und am Ende trotzdem mit dem Baby und all seinen neu und so liebevoll gekauften Sachen zu Claires Mutter gehen.
* Auf der Insel *
Es war nicht so, wie über der Luke mit dem winzig kleinen Fenster zu knien, mit den Fäusten darauf zu schlagen, bis sogar die Schultern schmerzten und dabei nur eine Frage zu kennen: Wieso?
Nein, das hier war schlimmer. Bens Worte noch so deutlich in seinem Ohr.
„Du wirst deinen Weg schon finden John, das tust du immer.“ Ehe er in seinem Parka aus der Orchideenstation verschwunden war und ihn mit dem toten Keamy, Dr. Changs Zeitzreisevideo und der Offenbarung, nun der Anführer der Anderen zu sein, alleingelassen hatte.
Welche eine Ironie.
Momente später schon waren sie alle verschwunden, vor seinen Augen. Richard und all die, die genau so sonderbar waren wie er. Vielleicht war es das, was Helen immer gemeint hatte, wenn sie sagte, man müßte jeden Moment von Anfang an genießen, nicht erst, wenn man sich genug an ihn gewöhnt hatte …
Zum sich gewöhnen, an auch nur irgendwas, blieb hier ohnehin keine Zeit mehr. Tag und Nacht wechselten ganz nach Belieben. Kein Sinn zu finden, kein Rhythmus, kein Platz, anzuhalten, niemand da, um ihm Fragen auch nur zu stellen. Und als der Schuß fiel, sein Bein traf, von Ethans Waffe, einfach so aus dem Dschungel heraus, zugenäht von Richard, nicht minder plötzlich, unerwartet, zum Atemnehmen aus jeglichem Zusammenhang gerissen nur eine Minute später, da dachte Locke für mehr als einen Moment, Ben hätte ihn angelogen, reingelegt, hatte die Insel nicht verlagert und vor der Zerstörung bewahrt, sondern sie zerstört und alles was noch auf ihr war gleich mit. Das hier war die Hölle und er nun für immer in ihr verloren, und was war das, wenn nicht der schlimmste Gedanke, der nur in einen Kopf hineinfinden konnte?
Alles war umsonst.
Nichts, was er je getan hatte, hatte auch nur irgendwas bewirkt. Nicht mal hier, wo er sich lange Zeit so sicher gewesen war, endlich einen Platz gefunden zu haben, seinen, wie noch nie zuvor im ganzen Leben. So viel hatte er getan, sich so viele Feinde damit gemacht, Jack, Juliet, als er das U-Boot sprengte, Sayid sehr viel früher bei seinem aller ersten Versuch, Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen, das halbe alte Strandcamp, das ihm nicht traute, nicht begreifen wollte, daß ein magischer Ort auch magische Dinge zu vollbringen vermochte, wenn man ihm nur Zeit dafür gab, und nicht zuletzt und immer wieder Ben, der nie hatte ertragen können, daß er Jacob zu sehen vermochte, während er selbst es nicht tat.
Die Erkenntnis noch schmerzhafter als die Wunde an seinem Bein: Hätte Ben recht gehabt, nicht nur gesagt, er war nun der Anführer der Anderen, sondern Locke selbst es auch gefühlt … er hätte einen Weg finden müssen, das, was hier vor sich ging, zu stoppen. Diese Lichtblitze, dieses Springen durch die Zeit, dieses Gefühl, den Boden unter den Füßen nicht nur zu verlieren, sondern überhaupt keinen mehr für sich zu haben … er hätte wissen müssen, was zu tun. Wohin zu gehen. Er hätte den Weg finden müssen. Aber sogar Richard hatte es besser gewußt vor seinem Zelt in dem Moment zwischen den Zeitblitzen, den er 1954 genannt hatte.
„Hör zu … ich will mir ganz sicher nicht selbst widersprechen, aber bei uns gibt es einen sehr spezifischen Prozeß für die Auswahl unseres Anführers, und der beginnt in einem sehr, sehr jungen Alter.“
Und alles, was Locke tun konnte, war sich hinsetzen, nach Luft schnappen und so verbissen es nur ging versuchen, nicht zu weinen.
Wenn dies die Hölle war, dann hatte er einige Dinge über das Leben, Gut und Böse und die Folgen derselben so falschverstanden wie man etwas nur falsch verstehen konnte, aber er würde sich trotzdem nicht nochmal zum Idioten machen und zu beweisen versuchen, selbst sie könnte mit ein bißchen Phantasie und gutem Willen noch in etwas anderes verwandelt werden. Diese Zeiten waren vorbei. Er hatte genug. Irgendwann war einfach Schluß, und dann plötzlich ein Schatten da.
„Hallo John.“
Kein Trug, kein Traum, nicht mal eine Illusion.
„Walt?“
Und vielleicht war ja alles ganz anders. Dies war nicht das erste Mal, daß Walt vor ihm erschien. Wunderinsel oder nicht, er hatte ihm schon mal geholfen, damals als Ben – oh Wunder – ihn schon mal hereingelegt hatte. Schlimmer noch, ihn umzubringen versucht und einfach zum Sterben in der Grube zwischen all den Dharmaskeletten zurückgelassen. Walt hatte ihm herausgeholfen. Walt hatte ihm sein Leben zurückgegeben. Ein Junge wie Walt hatte in der Hölle nichts zu suchen.
„Keine Sorge“, sagte er auch schon. „Hilfe ist schon auf dem Weg.“
„Hilfe? Du meinst hierher, für mich?“
„Nein, ich meine für das Herumirren der Insel.“
„Der Insel, aber ich dachte, ich sollte …“
„Du wirst woanders gebraucht, John. Dringend.“
Locke schluckte. Brachte das Wort kaum heraus.
„Wo?“
* In der inselfernen Welt *
Jack wiederzusehen, erschreckte selbst Ben. Wie so wenige Wochen aus einem Mann ein Wrack zu machen vermochten …. Er sah aus, als hätte er noch nie in seinem Leben geschlafen. Aber dann wieder sollte es eine Überraschung wohl kaum sein. Manche Menschen waren genau so zur Selbstzerstörung bestimmt wie andere dazu, immer wieder aufzustehen, so oft sie auch zu Boden geprügelt wurden. Alles nachvollziehbar, alles gut in seinen Plan einzufügen. Die einzige Seltsamkeit unabänderlich, wie wenig Eltern doch ihre Kinder kannten, hatte Jacks Mutter doch genau so geglaubt, einen leeren Sarg zu beerdigen würde als Symbol reichen, um abzuschließen und sich zu verabschieden, wie Bens Vater damals glaubte, sein eigener Sohn würde ihm trotz all der verhaßten Quälerei niemals etwas antun.
Aber Jack wußte, es war nur ein leerer Sarg. Erde drüber oder nicht. Sein Vater war immer noch woanders. Weg. Nicht da wo er sein sollte. Schlimmer noch, war da wo er nicht sein sollte. In seinem eigenen Krankenhaus, war überall, wo er auch war, wann immer er nicht richtig aufpaßte, zu lange stillstand, zu lange nicht auf seine Gedanken achtete, sie wandern ließ oder ganz verlor. Darum versuchte er nicht zu schlafen, nicht zu denken, sich nicht zu fühlen, als hätte er alles, alles falsch gemacht, angefangen schon beim aller ersten Schritt seines Lebens irgendwo auf dem Teppich im Wohnzimmer seiner Eltern.
Er brauchte nicht viel Überzeugung. Fast kam es Ben vor, als wäre er viel mehr erleichtert, ihn zu sehen. Ihn sagen zu hören, was er ihm sagte. Ihm eine Möglichkeit zu bieten, einmal mehr in seinem Leben irgendwas in Ordnung bringen zu dürfen, zu heilen. Eine Insel diesmal, aber na ja, ein paar Kompromisse mußten eben alle mal eingehen und er nicht einmal extra eindringlich klingen, als er sagte:
„Jack, du mußt ihnen helfen. Du bist der einzige, der es kann.“
„Wie?“
„Das zeige ich dir, sobald wir da sind.“
„Aber wie sollen wir da je wieder hinkommen.“
„Auch das kannst du mir überlassen. Ich weiß einen Weg.“
Der einzige Moment, in dem Ben einen tatsächlichen Schrecken verspürte, als Hurley vortrat und sagte: „Du meinst Eloise Hawking, oder? Sie weiß, wie das geht.“
„Woher weißt du das?“
„Von Charlie …“
„Hm“, machte er und überließ es den beiden, sich die Bedeutung des Tones darin zusammenzureimen.
* Auf der Insel *
„Wie ist das passiert? Wieso sind wir plötzlich hier?“ fragte Cindy und sah Richard dabei zu, wie er Luft holte, ganz tief.
„Das weiß ich nicht.“
Hier oben auf dem Hügel sah alles aus wie immer. Das Lager zu seinem Fuß so friedlich und klein. Die Welt ringsherum in ihrem Grün wie eine schützend gewölbte Hand. Wunderschön. Unschwer zu begreifen, warum es sein liebster Platz auf der gesamten Insel war. Die von Keamy und seiner Truppe verwüsteten Baracken hatten ihn nicht gestört. Die Dharmafähnchen schienen es auch nicht zu tun. Vielleicht sah er sie nicht. Sah das Tal so, wie es früher gewesen war, vor all dem. Unberührt, grün, spurenlos. Wer wenn nicht er sollte das am besten können…
Dieser Hügel war ihm sogar noch lieber als der Tempel mit all seinen verschlungen geheimnisvollen Gängen, den Blumengärten und dem ewigen Hauch von Ewigkeit und Kraft. Sie hätte gedacht, gerade er müßte sich in ihm mehr zu Hause fühlen als irgendwo anders. Aber Richard verschwand so oft er nur konnte hierher, und sie hätte ihn gewiß nicht gestört, wäre es nicht so wichtig, so seltsam, so zum ersten Mal seit sie selbst hierhergekommen war verunsichernd gewesen.
„Aber wie kann das sein? Erst stehen wir mit Aldo und Vanessa am Feuer, und im nächsten Moment sind sie noch nicht mal geboren und du und das Camp … ihr seid plötzlich ganz am anderen Ende des Baches? Und dann wieder die riesige Statue, ganz zu schweigen von dem Zaun am Strand, und dann all den Soldaten überall …“
„Ich weiß, Cindy.“
„Aber wieso weißt du nicht, was da mit uns passiert? Nur mit uns, nicht euch.“
„Weil ich nicht alles weiß. Wie sollte ich das?“
„Aber irgendwas müssen wir tun. Die Kinder haben Angst. Emma hat gesagt, sie will nicht mal mehr schlafengehen, weil sie befürchtet, wenn sie am Morgen aufwacht, ist ihr Bruder vielleicht sogar ganz weg.“
Sie hatte sogar sehr viel mehr gesagt als das. Hatte zum ersten Mal seit so vielen Monaten das Wort Zuhause gebraucht. Vielleicht sogar sich zum ersten Mal wieder daran erinnert, daß das hier nicht immer ihres gewesen war. Aber das konnte sie Richard nicht sagen. Nicht solange er immer noch stillstand, nur auf das Tal herabblickte und so weit weg dabei schien.
„Richard, was bedeutet das alles? Sind wir drei es, die verschwinden, oder seid ihr es? Und wie überhaupt? Warum? Hast du so was schon mal gesehen, irgendwann?“
„Ja, aber das ist schon 23 Jahre her“, sagte er da und strich mit den Fingern in seiner Hosentasche über das kühle Metall des Kompaß’, den John Locke ihm damals vor seinem Zelt gegeben hatte. Cindy klang, als würde sie befürchten, sich im nächsten Moment schon wieder in Nichts aufzulösen, und zwar diesmal vielleicht nicht nur vor seinen Augen … oder er sich vor ihren.
„Kannst du denn nichts tun? Vielleicht zu Jacob gehen und ihn fragen. Er sollte doch wissen, was los ist. Er sollte es stoppen können, was immer es auch ist, wenn du ihn darum bittest, oder Richard?“
Was antwortete man da, wenn man selbst im Laufe der unzähligen Jahre schon mit Hunderten von Bitten an Jacob herangetreten war, und nur zu einer einzigen die Antwort gehört hatte: „Ja, das kann ich für dich tun“?
* In der inselfernen Welt *
Als Ben und Hurley zum ersten Mal versuchten, mit Sayid Kontakt aufzunehmen, hatte Hurley noch gesagt: „Alter, den kriegst du niemals umgestimmt, niemals.“ Sogar seine Hand hatte er ins Feuer legen wollen. Dumme unsinnige Sprüche allesamt. Das einzige, was wichtig war, Hurley abzulenken, auf eine andere Mission zu schicken, denn immerhin war da ja auch noch Sun. Dafür war Hurley wie geschaffen, vor allem weil er niemals ungeduldig werden würde, ganz gleich wie oft und fest sie nein sagte. Es gab noch mehr Menschen als nur Ben auf der Welt, die tatsächlich meinten, was sie sagten, und zudem gab es so viele, die für Geld all ihre Moral, ihre Kinderstube, wahrscheinlich sogar ihre eigene Mutter vergaßen, einfach in einen Wagen stiegen und zu einer bestimmten Zeit eine bestimmte Straße entlangfuhren ohne zu bremsen, wenn etwas, wenn jemand in ihren Weg geriet. Und war das erledigt, ließ sich das altbekannte Schema schlicht weiterverfolgen. Nach einer gebührenden Zeit der Trauer versteht sich. Der richtige Moment, der passende Ort, die Worte, die dorthin sanken, wo sie am schwersten abzuschütteln waren…
„Du weißt, daß das ohne die Insel nicht passiert wäre. Ohne die Insel wäre Nadia nie gestorben. Du weißt das, Sayid, oder? Die Insel hat eine Art, zu kriegen, was sie will, und wenn sie so verbissen will, daß ihr zurückkehrt …“
„Ich geh nicht zurück, falls es das ist, was du meinst.“
„Oh, okay, mein Fehler. Ich dachte nämlich, du wärst ein Mann, der wüßte, wann es richtig ist, für etwas zu kämpfen, und wann es einfach nur feige ist, es nicht zu tun. Der Unterschied mag haarklein sein, aber auch das weißt du ja, und natürlich ist das auch vollkommen deine Entscheidung.“
Da fuhr Sayid herum, packt ihn, drückte ihn gegen die Trauerhallenwand. Ben hörte seinen eigenen Kopf gegen die Mauer schlagen. Ein Geräusch so winzig klein. Der Schmerz … ertragbar.
Sayids Stimme ein wütendes Zischen.
„Was willst du denn, das ich mache? Die Insel umbringen?“
„Na ja, das wäre wohl lächerlich, oder? Ich rede davon, die Magie, die diese Insel ist, zu deinem eigenen Vorteil zu nutzen.“
„Was soll das heißen?“
„Ich habe schon einmal versucht, es zu erklären, bin aber geradezu dramatisch gescheitert, mit John Locke natürlich, der – geben wir es ruhig zu – nie etwas anderes hören wollte als seine eigenen Überzeugungen für … alles, was er so tun zu müssen glaubte. Aber wie dem auch sei, ich sagte ihm einst, er solle sich das ganze wie eine magische Schachtel vorstellen, eine Zauberkiste, und genau das, was er sich am meisten auf der Welt wünschte, würde dann da rauskommen. Ich nehme an, in deinem Fall wissen wir alle, welche Form diese Schachtel für dich enthüllen würde.“
„Das ist verrückt.“
„Sicher. Genau so verrückt wie eine Insel, die direkt vor deinen Augen aus dem Meer verschwindet.“
Da verstummte Sayid. Der Griff seiner Hände so erstickend hart, löste sich weit genug, Ben wieder Luft zum Atmen zu lassen. Luft für einen letzten Satz.
„Also, was wird es sein, Sayid. Du, der für den Rest deines Lebens nur noch den Weg zu diesem Grab da drüben findet, bis du am Ende endlich selbst da liegen kannst, oder …“
* Auf der Insel *
Das Blümchen wackelte. So sacht der Wind, kaum zu spüren auf der Haut, aber das Blümchen wand sich, als stünde es in einem Sturm. Wahrscheinlich würden seine feinen Blütenblätter noch vor dem Abend zerreißen. Oder der Kopf einfach ganz abbrechen. Daniel wußte, nicht alle Blumen paßten auf ein Grab, aber … ein Grab gab es ja auch gar nicht, weil Charlotte genau wie der Tag, die Steine am Wegrand und ein Teil der Bäume am Ende des Hügels einfach vor seinen Augen verschwunden war. Einfach … verschwunden. Übrig nur noch seine Hände, die sich nie leerer angefühlt hatten und im selben Moment schon nie mehr den Drang verspürt, sich zu Fäusten zu ballen, irgendwas zu schlagen, irgendwen, warum nicht sogar sich selbst.
Aber nicht einmal dafür ließen sie ihm Zeit. Juliet und Miles, so besorgt alle beide, so verhalten bemüht, ihm nicht zu nahe zu kommen und dabei doch nie ein Auge von ihm zu lassen.
Sogar: „Es wird alles besser, wirst sehen“, hatte Juliet gesagt, als wüßte sie, wovon sie sprach. Aber wer war er zu behaupten, sie tat es nicht. Er wußte ja, sie meinte nicht die Insel, nicht die Zeit, die einfach ihren Weg verloren hatte und sich selbst nicht mehr fand. Sie meinte dieses Gefühl so tief drinnen, daß man es niemals, niemals rauskratzen konnte oder ersticken. Keine Gleichung auf der Welt, es zu berechnen, nicht mal ein Maßstab, seine Heftigkeit zu messen.
So viele kluge Menschen in allen Zeiten, und niemand hatte je herausgefunden, wie man Gefühle abstellen konnte, oder auch nur diesen einen verflixten Gedanken, ganz allein dafür verantwortlich zu sein. Immerhin hätte er seine Zeit ja auch damit verbringen können, statt mit all dem anderen. Er hätte derjenige sein können, der alle Welt von diesem schrecklichen Leid befreite und eine Formel dafür finden, wie man seinen Schmerz loswurde, seine Trauer, jedes einzelne Gefühl, daß das Gegenteil von Glück war. Er hätte so viele unfaßbare Dinge tun können, nachdem er mit dem Klavierspielen hatte aufhören müssen. Er hätte sogar ganz der Physik den Rücken kehren können, niemals das Wort Wissenschaftler auch nur denken, in die Highlands nach Schottland ziehen und Schafe züchten, aber das … nein, das gehörte in eine Welt, die noch viel weiterhergeholt war als die der Zeitreisen. Das gehörte in die Welt der Luftschlösser, und die war hier nirgendwo, selbst wenn Sawyer so fröhlich klang, als hätte er tatsächlich gerade selbst eins gesehen.
„Rätsel gelöst. 1977. Willkommen in der Welt des Punk. Bis hier ist der natürlich noch nicht gekommen, hier herrscht noch vollkommenes Hippieregime, aber …
„James …“
„Was?“
Ein Blick nur auf Daniel, und Sawyer verstummte.
„Oh. Klar. Verstehe.“
Und da mußte Daniel aufhorchen. Mußte den Blick von dem kleinen einsamen Blümchen auf der Wiese lösen und die Frage, wie oft genau er es eigentlich im Laufe der Zeit schon genau so gesehen haben mochte, beiseite wischen.
„Du warst also tatsächlich unten im Dorf, wow“, sagte Miles und klang, als wollte er die Augen verdrehen.
„Hast du mit ihnen geredet oder …“, fragte Juliet.
„Zumindest hab ich genug gehört. Da unten ist so viel Trubel. Wenn wir uns ein paar von den tollen Dharma-Anzügen besorgen, müßten wir uns glatt daruntermischen können, ohne das jemand was bemerkt.“
„Und dann?“
„Na ja, dann brauchen wir hier nicht mehr von Staub und guter Laune zu leben.“
Ihr nächster strafender Blick fiel ins Leere, weil Sawyer Daniel dabei zusah, wie er sein Tagebuch aus dem Rucksack kramte, hastig darin herumblätterte, in den Himmel starrte, in das Dharmadorf hinein, in die Berge und vielleicht sogar bis ins Meer dahinter. Einen Finger an den Lippen, die unentwegt Worte murmelten, die nur er selbst verstehen konnte. Vielleicht.
„Okay, gut, perfekt, wir haben zwei Tage“, kam am Ende für sie alle hörbar dabei heraus.
„Zwei Tage wofür?“ fragte Sawyer und war sich doch nicht sicher, ob er das wissen wollte, weil alles, was er wollte, nicht mehr stillstehen war. Stillstehen war der größte Fehler, den man je begehen konnte. Ließ zu viel Raum für zu viele Gedanken, und wohin sollten die schon wandern, wenn sie doch alle wußten, sie standen mitten auf einem nichtvorhandenen Grab.
Daniel jedoch klang plötzlich, als hätte ausgerechnet er das vollkommen vergessen. Kam sogar auf sie zu, wedelte mit dem Tagebuch vor ihren Nasen herum.
„Für unsere Rettung.“
„Rettung …“
„Ja. 1977 ist das perfekteste Jahr, in das wir nur hätten geraten können, denn das ist das Jahr, in dem mehrere der Dharmastationen vollendet werden. Unter ihnen ist auch die Schwan-Station. Laut meinen Berechnungen laufen die Arbeiten dort gerade auf Hochtouren, und in etwa 42 Stunden werden die Dharma-Leute dort tief in den Boden hineinbohren und aus Versehen in einer Riesentasche voller Energie landen. Das Resultat des Freisetzens dieser Energie wäre katastrophal, und zwar nicht nur für die Insel, sondern für die gesamte Welt. Um sie einzudämmen also, muß das gesamte Gebiet mit Zement versiegelt werden, so wie in Tschernobyl, und diese Eindämmung, das, was sie dort oben raufgebaut haben, nennt ihr die Luke. Die dort eingeschlossene Energie ist auch danach noch so gewaltig, daß diese Leute die nächsten knapp 30 Jahre damit verbringen werden, sie zu bannen zu versuchen, indem sie einen Knopf drücken. Einen Knopf, den eurer Freund Desmond eines Tages zu drücken verpassen wird, was dazu führt, daß euer Flugzeug, die Oceanic 815, auf dieser Insel abstürzt. Und nur weil euer Flugzeug abgestürzt ist, wird der Frachter zu dieser Insel gesandt werden, auf dem ich war und Charlotte auch. Diese gesamte Kette von Ereignissen wird in 42 Stunden ihren Anfang nehmen. Aber wir können das ändern.“
„Es ändern? Was willst du denn damit sagen, Dilbert?“
„Und woher weißt du das alles überhaupt?“
„Ich weiß das, weil ich mein Leben lang relativistische Physik studiert habe.“
„Okay, aber hast du nicht selbst vorhin gesagt, daß man nichts, was passiert ist, ändern kann?“ fragte Juliet.
„Doch, aber das war bevor wir Mr. Alpert und sein Wasserstoffbombenproblem fanden, neulich bei einem der Zeitblitze.“
„Was?“
„Versteht ihr denn nicht? Das kann alles ändern. Zwei so unbeschreiblich große Energiequellen, zwei Dinge, die auf natürlichem Weg nie zusammentreffen würden, niemals auf der Welt, sie würden es einfach nicht, und wißt ihr warum?“
Sie wußten es nicht, sahen ihn vielleicht nur weiter an, weil sie nichts anderes zu tun wußten, es unhöflich fänden, neben dem armen kleinen Blümchen zu sagen, er bräuchte vielleicht ganz dringend eine Runde Schlaf.
„Weil man dafür jemanden bräuchte, der sie zusammenbringt, und genau das ist der Punkt. Das ist es, was ich immer verpaßt habe in all den langen Jahren. Ich habe mich immer nur auf die Konstanten konzentriert und dabei die Variablen vollkommen vergessen. Ich hab das alles immer nur von einer Seite aus betrachtet, und wie dumm ist das, wenn es doch nie nur eine Seite gibt, wenn genau dieses schwarz-weiß-Denken der Menschheit übelstes Verbrechen ist. Und habt ihr eine Ahnung, was die Variablen dieser Gleichungen sind?“
„Nein“, sagte Juliet, weil irgendwer es mußte und Sawyer aussah, als lägen auch ihm schon ein paar Worte auf der Zunge, nur andere.
Daniel sah aus wie ein kleiner Junge unter dem Weihnachtsbaum.
„Wir“, sagte er. „Wir sind die Variablen. Wir Menschen. Wir denken. Wir schlußfolgern. Wir treffen Entscheidungen. Wir haben einen freien Willen. Wir müssen nicht tun, was das Logischste zu tun wäre oder was alle anderen vor uns immer taten. Wir können auch was ganz anderes machen, was Neues, was absolut verrücktes. Wir können unser Schicksal ändern.“
„Aber … wie soll das gehen?“
„Ich glaube, ich kann die Energie unter der Schwan-Station negieren. Ich glaube sogar, ich kann sie zerstören. Ich kann dafür sorgen, daß es nie einen Knopf geben muß und keine Luke, denn wenn ich das kann, wird die Luke nie gebaut werden und ihr werdet hier nicht bruchlanden, weil euer Flugzeug landen wird, genau so wie es das sollte, in Los Angeles.“
„Und wie genau planst du, diese Energie zu zerstören?“ fragte Miles, noch ehe Sawyer es konnte und klang doch fast genau so spöttisch dabei.
„Indem ich Richard Alperts Wasserstoffbombe darin detoniere.“
* In der inselfernen Welt *
Von außen sah es aus wie eine ganz normale Kirche. Weißer Stein, üppig verziert, die Fenster hoch und bunt. Sogar Kirchenbänke gab es hinter der Flügeltür, unzählige Bilder an den Wänden, so viele flackernde Kerzen. Mittendrin einen weißhaarige Frau, die ihnen entgegenblickte, als hätte sie auf nichts anderes als sie gewartet. Ein Lächeln, ein aufmerksamer Blick, der keinen von ihnen ausnahm, sich nur wandelte, als sie Ben zwischen Kate und Sayid entdeckte.
„Benjamin …“
Er schüttelte den Kopf.
„Du weißt wirklich immer noch wie man überrascht tut, ich bin fast beeindruckt, Eloise.“
„Nun, ich wünschte, das könnte ich auch von mir behaupten, aber es sieht nicht aus, als wäret ihr gut genug vorbereitet für das, was jetzt kommt.“
„Was kommt denn jetzt?“ murmelte Hurley und sah an den Wänden entlang, sah Statuenschatten im Feuerschein zittern, sich erheben, wie lebendig aussehen. Sah Charlies Fußspitzen gleich neben seinen eigenen.
„Immer mit der Ruhe. Es ist schon alles richtig so“, flüsterte der ihm zu. Aber tief Luft zu holen wollte trotzdem nicht reichen. Schon gar nicht, als Eloise ihnen winkte, ihr zu folgen und sie in den Keller hinabstiegen.
So viele dunkle Gänge, Dharmazeichen an manchen von ihnen, viel zu wenig Licht, am Ende ein großer Raum, in dessen Mitte ein riesiges Pendel unablässig über einer nicht minder riesigen auf den Boden gemalten Erdkarte schwang. Seine Spitze mit einem Stück Kreide versehen, malte winzige Sterne in diese Karte hinein. Einmal hingesehen, wollte es schwer werden, den Blick von diesem gleichmäßigen auf und ab wieder zu lösen.
„Was ist das hier?“ fragte Jack und sah all die Tafeln an den Wänden, die Formeln an ihnen. So viele Zahlen, rings um sie alle herum. Ein Computer mittendrin.
Eloise lächelte.
„Die Dharma Initiative nannte es den „Laternenpfahl“. Damit haben sie die Insel gefunden. Der Raum in dem wir hier stehen wurde vor Jahren über einem einzigartigen Kessel elektromagnetischer Energie errichtet. Diese Energie verbindet ähnliche Kessel überall auf der Welt verteilt. Die Leute, die diesen Raum errichtet haben allerdings, waren nur an einem von ihnen interessiert. Die Insel. Sie sammelten Beweise für ihre Existenz. Sie wußten, daß sie irgendwo da draußen ist, aber sie konnten sie einfach nicht finden. Dann erbaute ein sehr kluger Bursche dieses Pendel, auf Grund der spekulativen Idee, daß man aufhören sollte, danach zu suchen, wo die Insel gerade sein sollte … und statt dessen beginnen danach zu suchen, wo sie sein würde.“
„Was meinen Sie damit, wo sie sein würde?“
„Nun, dieser Bursche vermutete, und das zu Recht wie sich herausstellte, daß die Insel immer in Bewegung ist. Warum denkt ihr denn, daß ihr nie gerettet wurdet? Während die Bewegungen der Insel zufällig schienen, erstellten dieser Mann und sein Team eine Reihe von Gleichungen, die uns mit einem hohen Grad der Wahrscheinlichkeit sagen, wo sie wann an einem bestimmten Punkt der Zeit sein wird. Man könnte sie Fenster nennen, die während sie offen sind, eine Route zurück weisen. Unglücklicherweise bleiben diese Fenster jedoch nie über einen langen Zeitraum geöffnet. Eures schließt sich in wenigen Stunden.“
„Und das heißt …“
„Das heißt, es gibt nur diese eine Möglichkeit, zur Insel zu gelangen. Ein Passagierflug von L.A. nach Guam. Der fliegt direkt durch euer Fenster hindurch. Ajira Airways, Flug 316. Es muß dieser Flug sein und es muß noch heute Abend sein.“
„Und das ist es dann? Wir steigen in diesen Flieger und hoffen einfach, daß es funktioniert? Das ist alles?“
„Nun, es ist schon ein wenig komplizierter als das, denn um sicherzustellen, daß die Insel euch wirklich zurücknehmen wird, daß ihr aus dem Flugzeug verschwindet, während alle anderen sicher weiterfliegen, muß es dieselbe Anzahl von Menschen sein, die die Insel an dem Tag verlassen hat, als ihr die Insel verlassen habt.“
„Wieso?“
„Es herrschen gewisse Regeln im Universum wie auch auf dieser Insel, Jack. Ihr habt sie mutwillig verlassen. Die Insel hatte ihr Einverständnis nicht gegeben.“
„Ihr Einverständnis…? Ist das nicht ein bißchen sehr weithergeholt? Es ist eine Insel.“
„Manche Dinge sind einfach wie sie sind.“
„Das reicht mir als Erklärung aber nicht.“
„Das ist dein Problem, nicht meins. Ich weiß, was ich weiß. Die Insel funktioniert in diesem Fall nach dem Auge um Auge Prinzip.“
„Kein Problem, ich nehme Suns Platz ein“, sagte Ben, und Hurley hörte sie ganz genau, Charlies Stimme.
„Ich wette, wenn Sawyer jetzt hier wäre, würde er fragen, ob du nicht vielleicht für zwei zählen könntest.“ Sogar schmunzeln tat er, als ginge es hier um nichts als einen Besuch im Zoo. Aber Kate sah aus, als wollte sie flüchten, zur Tür.
„Also wir werden ganz bestimmt nicht Aaron wieder da mit hinnehmen, falls es das ist, was Sie uns hier zu sagen versuchen. Niemals. Niemals, haben Sie verstanden? Ich hab ihn zu seiner Oma gebracht, ich hol ihn da nicht wieder weg.“
Jack so schnell an ihrer Seite, streckte die Hand nach ihrer aus, hielt sie fest.
„Es muß nicht Aaron sein, stimmt’s? Es kann jeder sein, bloß eine Person, eine Seele, was auch immer.“
„Jeder, der schon mal dort gewesen ist“, sagte Eloise, und Ben lachte auf, ganz leise. Es hallte durch den Raum, rings um das Pendel herum, das deutlicher und deutlicher den immer selben Stern malte.
„Also Eloise, ich muß schon sagen, diesen Tag hätte ich nun wirklich niemals kommen sehen.“
Und was blieb ihr da anderes als zu seufzen, denn was sollte sie sagen? Ich wünschte fast, das könnte ich auch von mir behaupten vielleicht? Nur weil das so schön theatralisch geklungen hätte? Weil es das war, was ihr immer nur zu sagen blieb? Nein, das wäre genau so, wie zu behaupten, sie wüßte nicht, daß da jemand hinter der Straßenecke stand und wartete, nachdem sie alle die Kirche verlassen und eine Zeit zum Wiedertreffen am Flughafen vereinbart hatten.
So dunkel die Nacht selbst mitten in der Stadt unter leuchtenden Straßenlaternen. Er wußte sich gut zu verstecken. Niemand der anderen sah ihn. Niemand blickte auch nur zurück, und fast … fast wollte sie Jack für den Hauch eines Moments darum bitten, sie in seinem Wagen mitzunehmen, statt hinter ihnen allen zurückzubleiben. Allein. Doch am Ende blieben nur rotschimmernde Rücklichter und seine Stimme, die in all der Stille noch immer genau so klang wie damals.
„Ich weiß, was du da tust.“
Aussehen tat er … auch nicht viel anders. Vielleicht die einzige Sache, der Zeit nichts anzuhaben vermochte. Einmal durch Augen in eine andere Seele gesehen, und Falten auf Stirn und Wangen wollten genau wie weiße Haare für immer unerheblich werden.
„Was denn, jetzt redest du nicht mal mehr mit mir? Komm schon.“
„Es gibt nur eines, was ich dir zu sagen habe, Charles, und das ist dasselbe, was ich dir schon vor dreißig Jahren sagte …“
„Ja, klar, verstehe; kommen, kämpfen, zerstören, verderben, und es endet immer gleich. Diese alte Leier. Ich weiß, die ist es, die du so liebst. Hauptsache irgendwas klingt wie ein Märchen.“
„Du hast die Insel nicht verdient, Charles. Das hattest du nie. Benjamin hatte recht damit, dich zu verbannen.“
„Hatte er das …“
„Ja. Und du solltest dich auch nicht zu lange in dunklen Ecken aufhalten, denn auch er ist hier, und du weißt, er kennt sich mit dem heimlichen Lauern genau so gut aus wie du.“
Charles schnaubte nur.
„Er kann mich nicht umbringen.“
„Er kann eine Menge Dinge.“
„Ich hätte trotzdem nicht gedacht, dich mal auf seiner Seite zu sehen.“
„Ich bin auf niemandes Seite.“
„Na wenn das so ist, sollten wir uns vielleicht zusammentun. Alleinsein ist doch eine Plage, und wir waren doch mal ein gutes, gutes Team … und so viel mehr als das.“
„Niemals“, sagte sie und mußte doch schlucken. Wußte, er sah es, weil er sie immerzu ansah. Weil er immer alles sah. Ein Schmunzeln schon in seinen Augen.
„Du und deine verrückten Ansichten. Dir hat aber schon mal jemand gesagt, daß man tatsächlich auch seine Meinung ändern können soll, wenn man denn mehr von der Welt gesehen hat, mehr gelernt und begriffen, oder? Das ist es, was es bedeutet, alt und weise zu werden. Man ändert seine Meinung einfach, und das Leben geht trotzdem weiter.“
„Ich dachte, das gilt immer nur für die anderen.“
Sein Schmunzeln wurde zu einem Lachen und die Nacht um sie herum so trügerisch raumlos.
„Ich verstehe einfach nicht, was so schlimm daran sein soll, mehr wissen zu wollen, zu entdecken, zu erforschen, Dingen tatsächlich auf den Grund zu gehen. Warum bestehst du so sehr darauf, alles ein Mysterium bleiben zu lassen?“
„Weil das der einzige Weg ist, die Balance zu wahren.“
„Aber das Herz will, was es will.“
„Du hast kein Herz, Charles.“
„Oh, das ist aber höchst unprofessionell von dir, Ellie“, sagte er, und sie sah seinen Schultern dabei zu, wie sie bebten, obwohl er nur ganz leise lachte.
Nur drei Menschen auf der Welt, die sie je so genannt hatten … und sie wandte sich ab. Ein Schritt, zwei … seine Stimme noch immer nah genug. Fast wäre sie gestolpert.
„Wenn du wirklich mit ihnen allen zurück auf die Insel gehst, glaub bloß nicht, dann ist alles vorbei und du hast gewonnen.“
Und natürlich hätte sie ihm sagen können, wie typisch es für ihn war, allein dieses Wort zu benutzen. Gewinnen. In diesem Zusammenhang. Sie hätte ihm sagen können, daß es ihr niemals darum gegangen war oder gehen würde, und ganz sicher hätte sie ihm auch sagen können, daß es ihr trotz allem in der Seele wehtat zu wissen, sie würde ihn nie wiedersehen, aber …
* Auf der Insel *
Verrückt war nicht das richtige Wort. Verrückt war, vom 21. ins 20. Jahrhundert zu reisen und dann darin herum wie Figuren auf einem Brettspiel. Verrückt war, Leute in einem Frachter auf eine Insel zu schicken mit dem einzigen Auftrag, einen bestimmten Mann zu töten, sich um die anderen Opfer aber nicht zu scheren. Verrückt war sogar immer wieder, Stimmen von Toten zu hören so wie andere Radiosendungen beim Mittagessen … aber eine Atombombe in ein Erdloch schmeißen zu wollen und es „die Welt retten“ nennen, das war etwas anderes, und was Miles vielleicht noch weniger fassen konnte als Daniels begeistert strahlende Augen, war daß Sawyer seine Augen noch nicht ein Mal verdreht hatte. Schlimmer noch, er fand nur Widerworte für das, was er und Juliet einwarfen, und darum blieb ihm nur eins zu sagen.
„Ich kapier das nicht.“
„Was kapierst du denn daran nicht, Enos. Wiz-Kid hier sagt, er bringt uns dahin zurück, wo wir hingehören. Die Zeit geht genau da weiter, wo sie war, ehe wir auf diese Insel kamen. Alle, die hier gestorben sind, sind wieder da, und wir leben glücklich bis an unser Lebensende. Wenn du mich fragst, ist das ein guter Deal.“
„Und was ist mit dem Teil des Deals, indem wir alle einfach tot umfallen, weil da jemand eine Atombombe mit einer Kinderüberraschung verwechselt?“
„Na ich nehme an, das ist einfach das Risiko, das wir eingehen müssen.“
„Na klasse.“
„Wieso siehst du das überhaupt so schwarz? Du hast doch so gute Beziehungen zur anderen Dimension. Laß dir doch einfach schon mal einen guten Platz sichern.“
„James …“, sagte Juliet und klang so entsetzt dabei, daß er tatsächlich verstummte. Aber was half das schon. Daniel stand nicht mal mehr bei ihnen. Er war in seiner Welt versunken, die aus nichts als Papieren und Gleichungen und noch mehr Gleichungen bestand. Auf der Straße, die sich am Ende des Hügels in Richtung Schwanbaustelle davonschlängelte, fuhren zwei Baufahrzeuge entlang, und aus dem Dorf mit den kleinen gelben Häusern drang Kinderlachen so unbeschwert, als wäre all das hier ein Märchen.
* In der inselfernen Welt *
Alle zusammen tatsächlich nochmal im selben Flugzeug zu sitzen, war nicht seltsam. Zu wissen, keiner der anderen Passagiere hatte auch nur eine Ahnung davon, daß es auf einer einzigen Route mehr als nur ein Reiseziel geben mochte, war nicht seltsam. Auch daß Kate sich nicht neben ihn setzte, sondern ganz allein an das Fenster auf der anderen Gangseite, mußte nicht seltsam sein, und darum war Jack sich erst als er Frank Lapidus’ Stimme hörte sicher, sie würden tatsächlich am Ende dieses Fluges nicht in Guam landen.
„Guten Tag Ladies und Gentlemen und Willkommen bei Ajira Air. Ich bin Ihr Kapitän Frank J. Lapidus und heiße Sie im Namen der gesamten Flugcrew herzlich Willkommen an Bord.“
Niemand sagte ein Wort. Kein einziges.
Ben saß die ganze Zeit und las. Sayid starrte aus dem Fenster, obwohl dort außer Nacht nichts zu sehen war. Kate sah aus, als würde sie zwischen weinen und … etwas anderem schwanken. Hurley hatte sich eine Schlafmaske über die Augen gezogen, seinen MP3-Player in den Ohren und die Hände ganz fest um die Armlehnen geklammert. Die einzige, die er seit dem Gate überhaupt nicht mehr gesehen hatte, war Eloise, und Jack wußte einfach nicht, ob er trotz all ihrer eindringlichen Worte noch einen Absturz überleben könnte.
Es nochmal erleben wollte.
Dieses Fallen.
Dieses Dabeisein in dem Bewußtsein, nicht entkommen zu können, nicht mehr Herr seines eigenen Lebens zu sein, sondern alles, was passierte, dem Glück überlassen zu müssen, Gott oder tatsächlich doch nur der Laune einer absonderlichen Insel.
Doch für Gedanken wie diese war es längst zu spät, das Flugzeug bereits minutenlang in der Luft, die Welt unter ihnen so klein, blieb zurück, löste sich in schwarzes Nichts auf, als nur Meer noch von ihr übrig blieb. Die einzige Frage in seinem Kopf: Was, wenn das hier der größte Fehler meines Lebens ist? Ließ sich nicht ausschalten, ignorieren, nicht argumentieren und schon gar nicht verlachen, selbst als am Ende alles so viel einfacher war. Kein Absturz, keine Panik, kein einziger Gedanke an Tod. Ein Blitz zu grell, die Augen nicht zu schließen, und das nächste was er sah, nichts als grüner Dschungel.
Mitten drin stand Eloise und sah trotz des feinen Kleides und der hochgesteckten Haare aus, als gehöre sie nirgendwo anders hin.
„Nun, da sind wir also“, sagte sie und strich sie ein paar leicht verwirrte Haare aus dem Gesicht.
Hurley mußte sich hinsetzen, Kate rang nach Atem, selbst Ben war bleich und wackelig auf den Beinen. Einzig Sayid sah aus, als wäre noch auf diesen Beinen stehen zu können nicht mal Wunder genug gewesen. Als warte er noch auf ein anderes.
Nichts passierte.
So still der Dschungel.
Sah kein bißchen so aus, als wäre hier etwas Schlimmes passiert oder auch nur irgend jemand je in Gefahr gewesen.
Aber natürlich mochte das täuschen. Wer verletzt war oder schlimmer, lief nun mal nicht durch einen Dschungel auf der Suche nach Hilfe von der er nicht mal wußte, sie konnte überhaupt kommen. Stille konnte hier und jetzt genau so bedeuten, all die andern, Juliet, Sawyer, Rose, Bernard, Claire … waren längst tot.
Doch Eloise lächelte. Lächelte Jack an.
„Keine Sorge, wir sind rechtzeitig gekommen.“
„Und was jetzt?“
„Ich weiß, was zu tun ist. Ich kümmere mich darum. Ihr geht und sucht eure Freunde.“
„Wo?“
„Nun, ich würde sagen“, sagte Eloise und drehte sich einmal um sich selbst herum, ehe sie den Arm ausstreckte und in eine der unzähligen Richtung deutete, in die doch kein Weg führte. „Dort entlang.“ Sich selbst dann abwandte und in der entgegengesetzten Richtung verschwand. Stöckelschuhe, ein Hauch von Parfüm, so viele Baumwurzeln, Steine und Pflanzen im Weg, und sie sah aus, als würde sie schweben.
„Sie hat sehr sehr lange hier gelebt“, sagte Ben, weil Hurley ihn ansah, als müßte er das. Irgendwas sagen, erklären, ihnen leichter zu begreifen machen. Schön, für ihn war es nicht neu, ob man nun durch ein gedrehtes Zeitrad unter der Erde in der tunesischen Wüste landete oder aus einem Flugzeug heraus auf dem Dschungelboden. Genaugenommen war das hier sehr viel angenehmer, weil ein Nachhausekommen, und wer wollte je erklären müssen, warum ihm dabei nach Lächeln zu Mute war? Er nicht, er hatte ohnehin zu viel zu tun. Sagte: „Ich würde sagen, wir … gehen.“
Und hätte sich nicht mal daran gestört, wären die anderen zurückgeblieben.
Doch sie rappelten sich allesamt widerspruchslos auf.
Sayid so dicht auf seinen Fersen.
Hurley mit seinem Rucksack, der fast größer war als er selbst. Jack hielt nur inne, um Kate aufzuhelfen.
„Bist du okay?“
„Ja“, sagte sie und stand doch auf, ohne ihn auch nur zu berühren.
Das Rascheln all ihrer Schritte hinter Ben fast zu laut für seine Gedanken, vor allem die Antwort auf die Frage, wie er würde verschwinden können, ohne daß auch nur einer von ihnen es bemerkte.
Wie wenig lange es tatsächlich dauerte, einem ihrer „Freunde“ auf genau diesem Weg zu begegnen, hätte er niemals erwartet. Doch plötzlich kam das Rascheln von Schritten aus einer anderen Richtung, kam von rechts, schräg von vorn. Die anderen blieben stehen, starrten die ewiggrünen dichten Büsche an mit Augen so groß, als wären sie auf dem Sprung, weil sie das Rauchmonster erwarteten. Als hätten vier Wochen zurück in der wirklichen Welt tatsächlich gereicht, sie vergessen zu lassen, wie das klang und sich bewegte.
Einen Moment später stand Locke vor ihnen, mit einem Lächeln.
„Hi“, sagte er und sah so wenig überrascht dabei aus. „Guckt mal, wen ich gerade mutterseelenallein hier im Dschungel gefunden habe.“ Er deutete mit der Hand hinter sich, bog Zweige auseinander, und Kate hätte schwören können, für einen Moment sah sie Claire. Sah sie so deutlich, wie nie zuvor einen Wunschtraum in ihrem Leben.
Aber sie war es nicht.
Es war Jin.
Bleich, erschöpft, völlig verwirrt. Fiel fast um, als Hurley auf ihn zustürmte.
„Jin, du lebst, Alter! Wir dachte, du wärst mit dem Frachter … na ja, ertrunken eben, verstehst du?“
Aber er verstand nichts. Er kannte nur ein Wort.
„Sun?“
„Sun, nein, sie ist nicht hier. Sie ist zu Hause.“
„Zu … Hause.“
„Ja. In Korea. Bei ihren Eltern. Wir sind gerettet worden, Sun und Kate und Jack und Sayid und ich. Gerettet von Desmond. Mit dem Boot, dem anderen Boot, das da draußen einfach rumschwamm. Wir waren zurück zu Hause, die ganze Zeit über, aber jetzt … jetzt sind wir wieder hier, weil wir … ich weiß auch nicht … genau, wir sind einfach wieder hier“, sagte Hurley und verstummte, sah Jack an, Kate auch, Sayid, Ben … einmal sogar Locke, aber wie sollte auch nur einer von ihnen Jin erklären, was sie selbst nicht verstanden und dann auch noch in einer Sprache, die Jin nach wie vor sogar so viel zu fremd war, sie zu fragen, ob auch sie die junge Danielle Rousseau gesehen hatten.
„Ich hätte nicht gedacht, euch so bald wiederzusehen. Wohin denn des Weges?“ fragte Locke.
Ihn umarmte niemand. Das war nicht unhöflich. Es war einfach nicht der richtige Moment für fröhliche Begrüßungen und auch nicht für viele Worte darüber, warum. Keiner von ihnen war für ein Schwätzchen hier, vier Wochen reichten nicht, ungeschehen zu machen, daß sie sich alles andere als in gutem Einvernehmen getrennt hatten, damals vor der Orchideenstation. Jack und er noch so viel mehr als Ben. Hurley der einzige, der sein Lächeln immer fand, wenn er es suchte.
„Hoffentlich dahin, wo du auch hin willst, Mann, denn wir könnten gut einen Anführer brauchen.“
Was half es schon, das Gesicht zu verziehen. Ben hatte sich schon zu oft geschworen, sich darin zu üben, gewisse Dinge zu überhören, statt sich über sie aufzuregen, aber dafür blieb hier und jetzt keine Zeit. Jetzt mußten sie weiter. Wenn es denn sein mußte auch für eine Weile alle noch auf demselben Weg, aber irgendwann würde der schon enden. Das wußte er.
***
Wenn es etwas gab, dem Zeit nichts anhaben konnte, dann waren es alte Bauwerke. Sie trotzten dem Wetter, den Epochen, den Menschen, die kamen und gingen, sahen einfach zu, in aller Ruhe. Der Tempel das perfekte Beispiel. Sah genau so aus wie er immer ausgesehen hatte. Zeitlos. Treu. Blickte ihr entgegen, als wollte er sagen: Was sonst, genau das ist doch meine Bestimmung. Das ist die Definition von Ewigkeit.
Wie hätte sie nicht lächeln sollen, schneller gehen, ihm zunicken und erst als sie den Teich vor seinen Mauern erreichte und ihr Blick in das Wasser fiel wieder bemerken, bei ihr war es vollkommen anders.
Sogar das weiße Haar spiegelte sich wider. Und vielleicht sah sie wirklich einen Moment zu lange hinein, um die Gewehre erst zu bemerken, als sie schon klickten.
„Stehenbleiben“, rief Lou. Smith, Geordie und Nat neben ihm genau so immer schnell zur Stelle, wenn es darum ging, die ihren und ihre Heimat zu schützen. „Kein Schritt weiter. Wer sind Sie? Wie sind Sie durch die Mauer gekommen.“
„Nun ja, ich …“
„Ich hab gesagt stehenbleiben!“
„Hey, immer mit der Ruhe!“
Der Schuß hallte, schmerzte in den Ohren. So lange nichts dergleichen mehr gehört. Vielleicht hatte das Spiegelbild im Wasser mehr recht, als es das sollte, und sie war zu alt geworden für Dinge wie diese. Fast wollten ihr die Schuhe aus der Hand fallen.
Und dann Richard.
War einfach da, hinter den anderen. Wie aus dem Nichts. Stand schon nach wenigen Schritten genau so still wie sie, während Lou noch mal brüllte.
„Noch ein Schritt weiter und ich …“
„Halt. Wartet, runter mit den Waffen.“
„Was? Sie ist durch die Mauer. Sie hat sich reingeschlichen. Sie muß unsere Wachen überwältigt habe. Sie ist …“
„Ellie“, sagte Richard. „Bist das wirklich du? Ich meine … wie … wie kannst du … wie kann das …“
Und da wollte die Zeit zum ersten Mal in ihrem Leben tatsächlich einfach stehenbleiben. Er war die stehengebliebene Zeit. Sah aus wie am allerersten Tag. In seinen dunklen Augen kein gestern, keine Angst vor morgen, nur schlichte unverfälschte Wahrheit. Am liebsten wäre sie zu ihm gelaufen, hätte ihn bei der Hand genommen so wie damals, als sie noch kleiner gewesen war als er und nichts lieber getan hatte, als sich von ihm jeden noch so winzigen Flecken der Insel zeigen zu lassen. So viele Dinge, die sie nie zuvor gesehen hatte in den dunklen Gassen von London. So weiches Gras bei jedem Schritt, so viel nie gefühlte Freiheit. Charles’ Augen immer gleich zusammengekniffen, wenn er ihnen nachsah, aber das … tat hier und jetzt so wenig nur zur Sache.
Richard konnte nicht aufhören, seinen Kopf zu schütteln, schob sich an den anderen und ihren Gewehren vorbei.
„Wie kannst du … ich meine, vor acht Monaten warst du noch …“
„Acht Monate … für mich war es so viel länger, Richard.“
„Wieviel länger?“
Sie lächelte nur. Spürte das weiße Haar an ihre Wange. Sah ihm dabei zu, wie auch er es ansah.
„Ist … ist Charles auch hier?“
„Nein, und mach dir keine Sorgen, es wird noch sehr, sehr lange dauern, ehe er kommt.“
„Wie bist du hergekommen?“
„Du weißt wie.“
„Nein, ich…“
„Nun, dann werde ich es dir sehr gern alles erzählen, aber zuerst haben wir etwas zu erledigen. Wo ist Cindy?“
„Cindy …“
„Ja.“
„Was willst du denn von ihr?“
„Ich will, daß sie mir dabei hilft, in genau diesem Jahr, 1977, zu bleiben, bis getan ist, was getan werden muß“, sagte Eloise und tat einen Schritt. Ein Blick nur auf Lou und Geordie, und sie ließen ihren Waffen sinken, ließen sie durch, ließen sie bis in den Tempel hinein. Folgen tat ihr nur Richard.
„Ellie, warte, ich verstehe nicht, was das alles zu bedeuten hat.“
„Richard, als Cindy hier aufgetaucht ist, einfach so wie aus dem Nichts vor ein paar Tagen, wie konntest du sie da einfach in deine Runde aufnehmen?“
„Weil sie aussah wir eine von uns und Dinge wußte, die nur ich ihr erzählt haben konnte.“
„Ganz genau. Und jetzt sage ich dir, wir brauchen sie und die beiden Kinder auch, um das zu stoppen, was ihnen den Schlaf raubt. Also bitte, hol sie her. Jetzt.“
„Wie du wünschst“, sagte er, vielleicht, weil es noch Gewohnheit war, acht Monate vergangen oder nicht. Ellie sagte etwas, und sie alle folgten. So funktionierte es, hatte es funktioniert über eine Reihe von Jahren, die er zu gern Ewigkeit nennen genannt hätte. Weiße Haare hatten darauf keinen Einfluß. Also ging er zu Cindy.
„Wer ist sie?“ fragte die.
„Sie … war unsere Anführerin.“
„Aber ich dachte, das wäre Charles Widmore gewesen.“
„Nein. Er wollte es, immer, aber er war nie gut genug. Sie war immer die wahre Seele.“
„Warum ist sie dann gegangen? Und warum ist sie wieder hier?“
„Das ist kompliziert“, sagte Richard, weil ein paar Tage, Wochen oder auch Monate neben dem bloßen Gefühl, Cindy wäre eine von ihnen, trotzdem nicht reichten, eine solche Geschichte zu erzählen und dabei zu hoffen, der andere würde sie verstehen. Manche Dinge mußte man selbst erlebt haben, mitangesehen, mitgefühlt. Etwas, worin er immer, immer zu gut gewesen war. Konnte sogar den Klang ihrer Stimme noch hören, Ellies Antwort auf seine Frage: „Warum mußt du so mit ihm spielen?“ Als wäre es gestern gewesen.
„Ich spiele nicht mit ihm, er hat damit angefangen.“ Dieser Hauch von Trotz, der sogar ihn damals noch verwirrt hatte, an ihren Führungsqualitäten zweifeln lassen. Aber da war sie ja auch noch so jung gewesen, gerade neunzehn Jahre alt. „Er kann es einfach nicht lassen, immer wieder darauf rumzupochen, daß er mich gerettet hat. Er kann sich einfach nicht damit abfinden, daß ich drüber weg bin. Was denkt er denn, er ist der Held der ganzen Welt? Er hat doch keine Ahnung, was ich alles schon durchhatte, ehe er mich überhaupt gefunden hat. Er denkt, mein Leben hat auf diesem verfluchten Jahrmarkt angefangen, nur weil der das erste war, was er aus meinem Leben gesehen hat? Nein. Da liegt er falsch. Da kann er sich noch so lange aufführen wie ein verwöhnter kleiner Junge.“
„Er ist noch ein Junge.“
„Ja, aber das hier ist nicht der richtige Ort dafür, Richard. Hier geht es um wichtigere Dinge.“
Niemals hätte er dem mehr zustimmen können und niemals aufhören sich zu fragen, ob sie hier und jetzt so wiederzusehen unweigerlich bedeutete, sie hatte vor knapp acht Monaten, hier in seiner Zeit, tatsächlich einfach aufgehört, ihre Anführerin zu sein, und würde so wie er sie kannte nie wieder zu ihnen zurückkommen. Und auch Cindy klang so verunsichert.
„Dann sagst du, wir können ihr trauen? Wenn sie sagt, wir sollen mit ihr gehen, dann ist das okay?“
Er mußte sich losreißen, auf sie zutreten, ihr fest in die Augen sehen und das einzige sagen, was immer wahr gewesen war.
„Wenn es auch nur irgend jemanden gibt, dem man sein Leben anvertrauen kann, dann ist es sie.“
Der Rest dann war einfach. So wenige Worte nur. Zeitsprünge, die den Körper ruinierten, das ausgehakte Rad unter der Erde, das nur durch einen zweiten Versuch es zu drehen, seinen Platz wiederfinden würde, und die geringe Auswahl von Menschen, die dafür in Frage kamen …
Niemand widersprach. Nicht mal die Kinder sahen verängstigt aus, als Eloise sie fragte: „Seid ihr bereit, zurück nach Hause zu gehen? Richtig nach Hause, zu euren Eltern?“
Der Hauch von Abschiedsschmerz in Cindys Augen war leicht zu ertragen. Immerhin konnte man die Kinder nicht allein schicken. Jemand mußte sie in Tunesien an die Hand nehmen. So eine große Welt, womöglich wußten sie noch nicht mal, L.A. lag vollkommen an ihrem anderen Ende.
Nur eines noch, das Richard nicht umhin konnte, zu fragen.
„Ellie, aber du bleibst doch?“
Ihr Lächeln so süß und kurz wie immer.
„Für eine Weile.“
***
„Ganz egal was du sagst, ich mach da nicht mit“, schnappte Miles und sah aus, als wollte er Daniel schon im nächsten Moment das Tagebuch und all die losen Blätter aus der Hand reißen und dann einzeln in Fetzen. Juliets Stimme so leise im Kontrast.
„Ich denke auch, daß es ein Fehler ist. Ich meine, er redet davon, alles auszuradieren, was wir hier zusammen erlebt haben.“
„Und wieso genau wäre das für dich so ein Problem? Ich dachte, du wolltest immer weg von hier.“
„Ja, James, aber was bringt es mir, wenn es nur darum geht, euer Flugzeug nicht abstürzen zu lassen. Ich bin dann trotzdem hier, immerhin bin ich lange vor euch gekommen. Das alles hier in den letzten Wochen, weggekommen zu sein von Ben und den anderen, zu euch und damit auch nur die Chance gehabt zu haben, die Hoffnung, die Insel doch noch verlassen zu können … das wird es dann alles nicht geben und mich …“, wahrscheinlich auch nicht mehr, wollte sie sagen und konnte es doch nicht. Das hatte nichts damit zu tun, daß Sawyers Blick keinen Hauch weniger grimmig geworden war. Das war einfach nur zu … privat für diese Runde.
„Aber … aber es bedeutet nicht, daß sich nur der Flugzeugabsturz ändert“, warf da Daniel von seinem Platz zwischen all den Zetteln im Gras ein. „Das war nur ein Beispiel. Wir haben jetzt 1977. Wenn die Luke nicht gebaut wird und der Knopf nicht gedrückt werden muß, werden sich möglicherweise noch sehr viel mehr Ereignisse ändern und zwar angefangen in genau diesem Jahr. 1977. Habt ihr eine Ahnung, wie viele Kleinigkeiten es gibt und was für Wellen die auslösen können, wenn sie sich ändern?“
Natürlich hatten sie das nicht. Sahen ihn nur an, so verwirrt, verunsichert, skeptisch, immer noch einen Hauch als glaubten sie ihm schlicht kein Wort.
„Warum warst du hier, Juliet? Um dabei zu helfen, das Problem um die sterbenden schwangeren Frauen zu lösen, richtig? Wer sagt, daß das nicht erst durch den Zwischenfall zu einem Problem wurde?“
„Du meinst, der Energieüberfluß oder was auch immer es ist, hat die Körper der Frauen hier verändert?“
„Wäre das zu weit hergeholt?“
„Nein, das nicht.“
„Siehst du. Und existiert das Problem nicht mehr, wirst du nicht mehr hierher geholt, was bedeutet, du kannst wie alle anderen dein Leben leben, als hätte es diese Insel nie gegeben … höchstwahrscheinlich.“
„Höchstwahrscheinlich …?“
„Ja, klar, jetzt kommt nämlich doch noch der Haken, in dem wir alle einfach zu existieren aufhören, nachdem die Bombe und die Energie und die falsche Zeit zusammen in einen Topf geschmissen werden“, spottete Miles.
„Schwachsinn, das ist hier doch keine Science-Fiction-Show.“
„Was ist des dann?“
„Unsere Chance, unsere verdammten Leben zurückzukriegen“, knurrte Sawyer und erwachte im selben Moment aus einem Traum. Vielleicht fiel er auch um, schlief ein und war plötzlich in einem Traum, denn wie sonst sollte es möglich sein, daß Kate dastand.
Einfach … da.
Vor den Büschen.
Neben dem Hügel.
Nur Meter von ihm entfernt.
Lächeln tat sie auch. So schüchtern, verlegen, so absolut unmöglich, wieder wegzusehen. Die anderen hinter ihr und um sie herum fielen ihm erst auf, als Hurley einen Hüpfer tat.
„Du lebst auch noch, Alter!“
Bis auf ihn zu kam er gesprungen, riß ihn in seine Arme, verdeckte den Blick auf den Rest der Welt.
„Ich kann es nicht fassen!“
„Vorsicht mit den Rippen, Kong.“
„Kong … aha, aber du wirst es nicht glauben, das hat mir fast sogar gefehlt.“
„Ja“, mußte er sagen, „mir auch“, und doch wieder nur Kate ansehen.
Unfaßbar, wie schwierig es sein wollte, einander zu begrüßen, wenn so viele Leute herumstanden. Am Ende waren da nur ihre Hände, seine, ihre, einmal ganz kurz aneinander. Das Lächeln dazu. Kein einziges Wort. Und dann ein Gleißen im Himmel, so hell, daß sie alle die Köpfe wandten. Sah lila aus, nicht weiß wie sonst und hüllte sie auch nicht ein, zwang keinen von ihnen in die Knie.
Trotzdem war etwas anders, kaum war es wieder verschwunden.
„Meine Kopfschmerzen sind weg“, sagte Juliet.
„Meine auch.“ Miles.
„Ich nehme an, das bedeutet, Eloise hat tatsächlich getan, was immer sie auch tun wollte.“ Jack. Und noch ehe Juliet weiterdenken konnte, fragen, ob das nun bedeutete, sie wären wieder in der richtigen Zeit, zurück im Jahr 2005, trat Daniel zwischen sie alle. Trat vor bis fast an Jacks Schuhspitzen heran.
„Entschuldige, hast du gerade Eloise gesagt?“
„Ja.“
„Eloise Hawking?“
„Ja, wieso?“
Bleich sah er aus. Noch verwirrter als das gekritzelte Durcheinander auf den Zetteln in einer Hand.
Schluckte.
„Sie ist meine Mutter.“
*
So ein Durcheinander, so viele Fragen, halbe Antworten … „Wiedersehensfreude“ klang genau wie eine bloße kurze „Verschnaufspause“ nach purem Hohn. Der einzige Moment, in dem der eine oder andere schmunzeln mußte, als Miles Hurley fragte, was er denn bloß alles da in seinem Rucksack mitschleppte und Hurley sagte: „So ungefähr alles, was ich beim ersten Mal hier schrecklich vermißt habe, natürlich.“
Zeit gerettet hin oder her, natürlich konnte niemand erwarten, man könnte einfach da anknüpfen wo man aufgehört hatte. Vier Wochen, so kurz sie auch klangen, konnten so viel ändern, wenn man sie denn in verschiedenen Welten verbrachte, und Sawyer sah ihn nun mal ganz genau, den Blick, den Jack und Kate tauschten, die Worte dazu, die lange lange Zeit, die sie nebeneinanderstanden … wer konnte schon sagen, sie waren nicht nur in die wirkliche Welt zurückgekehrt, sondern auch jeder in sein eigenes Leben? Niemand. Und darum blieb ihm nur einzuschreiten. Ein Reflex. Nichts anderes.
„Klasse, jetzt hatten wir also unsere tolle Familienwiedervereinigung wie sie im Buche steht, und so nett die auch anzusehen ist, wie wäre es, wenn wir uns dem eigentlichen Thema wieder zuwenden? Denn selbst wenn ihr wahrscheinlich denkt, jetzt ist das hier wieder Paradies pur und nichts weiter vorhabt als euch darin zu vergnügen, gibt’s hier noch was Wichtiges abzustimmen.“
„Was meinst du?“ fragte Jack, so wunderbar ahnungslos und dabei immer noch so nah neben Kate.
„Na ja, falls es euch auf dem Weg hierher nicht aufgefallen ist, die bauen da hinten gerade unsere Schwanluke.“
„Die Schwanluke? Die, die wir gesprengt haben? Du meinst, die baut jemand wieder auf?“
„Nein, ich meine, sie bauen sie zum allerersten Mal, denn wir sind hier im Jahr 1977.“
Amüsant war es, sie mit anzusehen, die vielen, vielen verwirrten Blicke. Natürlich gefiel ihm der des Docs besonders gut. Warum lügen. Es machte Spaß, ihm beim verbissenen Versuch, zu begreifen, wie wenig man sich selbst auf die Gültigkeit von Jahreszahlen verlassen konnte, zuzusehen. Dabei wie er den Kopf wandte, bis er – dort so fern am Fuße des Hügels – das Dharma-Dorf mit all seinen immer noch brav im Wind wehenden Fähnchen fand und es doch nicht glauben konnte.
„Was denn, diesen Teil der Geschichte hat eure Madame Medea ausgelassen?“ mußte er spotten, denn warum auch nicht, er hatte viel zu lange keinen Spaß mehr gehabt. „Na dann klär ich euch besser mal auf.“
Und das tat er. Erklärte Hurley, Jack, Locke, Jin, Ben und Kate, was Daniel zuvor ihnen erklärt hatte und fragte sich die ganze Zeit, ob er dabei auch nur einmal so einen Blick in den Augen gehabt hatte wie er ihn in Kates fand. Fragte sich lange genug, Hurley Zeit für einen Einwurf zu lassen.
„Aber wenn die Bombe hochgeht und wir alle dann plötzlich einfach wieder im Flugzeug sitzen, so als wäre nichts passiert, was wird dann aus denen, die da gar nicht mit drin waren? Miles, Juliet, Ben, Daniel …?“
„Ich weiß es nicht“, sagte der. „So viele Ereignisse reihen sich im Leben aneinander und zielen auf einen bestimmten Punkt zu. Wirklich hundertprozentig zu sagen, was passieren wird, wenn man diesen Punkt einfach ausradiert, ist absolut unmöglich, fürchte ich, weil es da einfach zu viele verschiedene Varianten gibt. Die Möglichkeiten sind sozusagen unendlich. Es könnte alles passieren, was man sich nur vorstellen kann. Alles.“
„Und dazu gehört auch, daß jemand das gar nicht überleben könnte?“
„Na ja …“
„Wirklich? Wie können wir das dann auch nur in Betracht ziehen?“ fragte Hurley und klang so entsetzt dabei.
„Ach komm schon. Ist ja nicht so, als würden wir auf einen Knopf drücken und dann fällt Plato hier tot um.“
„Woher willst du das wissen?“
„Weißt du was, Jabba, tue ich nicht, und es ist mir auch egal“, knurrte Sawyer. „Ich kann nur sagen, mir könnte nichts Besseres passieren, als daß der verdammte Flieger nie hier abstürzt, denn genau da hat der ganze Scheiß angefangen. Ich hatte ein klasse Leben, ehe das alles hier losging.“
„Nein, hattest du nicht.“
So eine leise Stimme. So durchdringend dabei. Bens Augen fest in seine gebohrt und doch nicht lange. Wanderten weg, wanderten weiter, einmal in sie alle hinein.
„Im Gegenteil, du hattest das deprimierendste Leben, das man sich vorstellen kann. Ihr alle. Keiner von euch wurde von dieser Insel aus einem glücklichen Dasein weggeholt. Ihr wart alle allein. Ihr wart auf der Suche nach etwas, das ihr da draußen nicht finden konntet. Ihr hattet alle die Hoffnung, daß sich je was ändert, je was besser wird, längst aufgegeben, aber es erst begriffen, als ihr hier wart, weil hier plötzlich andere Dinge passierten, Dinge möglich schienen, die keiner von euch je noch in Betracht gezogen hätte. Ihr wart tatsächlich mehr oder weniger glücklich hier, zumindest hin und wieder zwischendurch. Aber … klar, macht nur, radiert das alles aus. Nehmt alles wieder zurück. Jagt das verdammte Ding in die Luft.“
Damit ging er. Ging einfach.
So viel Stille blieb zurück.
Einen Augenblick wartete Locke, dann ging er Ben hinterher. Niemand sagte etwas, hielt ihn auf. Erst als er den Dschungelrand am Fuß des Hügels schon erreicht hatte, holte er ihn ein.
„Wo willst du denn hin?“
„Die Liste der Leute mit den deprimierenden Leben ist lang, John. Ich geh etwas tun, was ich schon vor sehr langer Zeit hätte tun sollen. Meine Belohnung einfordern.“
Nicht nur Sayid sah ihnen nach, aber er war der einzige, dessen Hände zu Fäusten geballt waren.
*
„Ich kann nicht fassen, daß das da unten wirklich die ursprünglichen Dharma-Leute sein sollen“, sagte Jack, als er neben Juliet und all den kleineren und größeren Büschen stehenblieb, die es verhinderten, aus dem Tal zu ihnen heraufzusehen und sie zu entdecken, und fragte sich dabei, ob er wirklich nur zu ihr gegangen war, um Kate nicht nochmal sagen zu müssen, hier und jetzt und solange sie nicht wußten, was wirklich vorging und wann Eloise zurückkam, würde er nicht einfach mit ihr raus in den Dschungel ziehen, um nach Claire zu suchen.
Juliet hatte die Arme um sich selbst geschlungen und sah in das Dharma-Tal hinunter ohne zu blinzeln.
„Sind sie aber. Und sie sind sehr beschäftigt, immer, den ganzen Tag.“
„Ach ja, was machen die denn so?“
„Du meinst, außer Untersuchungsstationen in die Erde zu graben und dabei Katastrophen auszulösen? Na ja, zum Beispiel Wimpel basteln, Tanzmusik spielen und versuchen, sich ihr Feinde vom Leib zu halten.“
„Ja, was ist das mit denen und den Anderen? Ich hab das nie … ich meine, du warst eine von ihnen, oder? Du warst …“
„Ich war immer ich selbst.“
„Ja, aber du hast bei ihnen gelebt.“
„Ich habe bei Ben da unten in den Häusern gelebt. Nicht alle Anderen ziehen diesen Luxus ihrem ursprünglichen Nomadenleben vor. Es gibt da Grüppchen. Manche waren schon sehr lange hier, andere bleiben nur kurze Zeit. Ich zum Beispiel war niemals überhaupt mit in ihrem Tempel.“
„Warum nicht?“
„Ich weiß auch nicht. Ich glaube, es kommt darauf an, welche Aufgabe sie für einen bestimmt haben. Danach richtet sich, wo man seinen Platz findet.“
„Klingt ziemlich kompliziert.“
„Was ist das nicht? Ich meine, ihr wieder hier und diese ganze Sache mit den Zeitreisen … das ist etwas, das mir nie als möglich in den Sinn gekommen wäre. Niemals. Und das sage ich mit meinen drei Jahren bei den Anderen … und ich will ja nicht sagen, daß … ich bin froh, daß ihr wieder da seid, wirklich, aber ich weiß nicht so ganz, ob ich das überhaupt sein sollte, denn immerhin war es so nicht geplant. Ihr solltet gerettet sein und bleiben. Ihr solltet es geschafft haben. Alles was wir gemacht haben, um von hier wegzukommen, scheint jetzt irgendwie vollkommen sinnlos, so als wäre es nichts als verschwendete Mühe gewesen. Oder hat Eloise Hawking irgendwas über die Rückreise gesagt?“
„Nein, aber ich denke nicht, daß sie daran nicht gedacht hat.“
„Ich bewundere dein Vertrauen in fremde Leute, Jack.“
„Ich würde es nicht Vertrauen nennen.“
„Wie dann?“
Er antwortete nicht. Fragte etwas anderes statt dessen.
„Kann ich dich was fragen?“
„Sicher.“
„Damals als Michael und Sawyer und Jin mit dem Floß von der Insel wegwollten und … sie Walt von ihnen wegholten … was wollten sie von ihm? Du warst doch dabei.“
„Ich war nicht dabei. Ich wußte davon, aber ich war nicht dabei.“
„Und damals, als ihr uns mitnahmt und die ganzen Blutproben und all das …“
„Das fragst tatsächlich du? Du weißt doch, was man anhand des Blutes alles über einen Menschen herausfinden kann.“
„Und das heißt, wenn euch irgendein Wert nicht gefallen hätte, hättet ihr uns eher wieder gehenlassen?“
Sie holte Luft, ganz lange, ganz tief.
„Es gibt besondere Menschen auf der Welt, Jack, und sie … sie waren … sie sind immer auf der Suche nach einem von ihnen. Ethan entdeckte einen Weg, anhand der DNA genau ausfindig zu machen, wer dieses Besondere in sich hatte und wer nicht. Das war für ihn und alle anderen ein Durchbruch, denn zuvor hatte es immer eine lange Reihe umfangreicher Tests geben müssen, denen sich die Kandidaten zu unterziehen hatten.“
„Und Walt war ein Kandidat…“
„Ja. Aber er war genaugenommen sogar zu besonders für ihren Zweck. Darum ließen sie ihn wieder gehen.“
„Wie kann man zu besonders sein?“
„Genau so wie man eben nicht besonders sein kann. Alles eine Frage des …“
„Was, des Schicksals?“
„Du könntest auch sagen einer Laune der Natur.“
„Aha. Magst du mir auch sagen, was das für ein besonderer Zweck ist, für den sie all diese besonderen Menschen suchen?“
Da sah sie ihn an, lächelte, klang fast einen Hauch spöttisch.
„Vielleicht wenn das hier alles vorbei ist. Falls eure Eloise Hawking tatsächlich einen Rückweg weiß und wir es wirklich bis nach Hause schaffen. Vielleicht sag ich es dir dann. Dann haben wir beide etwas, worauf wir uns freuen können. Ein Gespräch wie dieses, nur am anderen Ende der Welt. Was hältst du davon?“ fragte sie und wandte doch den Blick wieder ab und aufs kleine gelbe Dorf hinunter, noch eher er hatte nicken oder etwas sagen können. Fuhr noch leiser fort, nach einer Weile.
„Weißt du, gestern als wir hier auf diesem Hügel ankamen und … Charlotte starb und das Dorf plötzlich da war und wir alle nicht wußten, was wir machen sollten, da hab ich mich hier hingesetzt und nach unten geguckt und mir vorgestellt wie es wirklich wäre, wenn … wenn sie auch für uns Häuser bauen würden so wie James es gesagt hat. Ich hab versucht mir vorzustellen, da unten zu leben.“
„Wieder im Dorf?“
„Das wäre kein wieder. Das wäre ein vollkommener Neuanfang. Niemand würde mich kennen, niemand etwas von mir wissen, niemand mich für irgend etwas brauchen. Ich hab sogar für eine Weile darüber nachgedacht, was für einen coolen neuen Namen ich mir geben könnte, um vollkommen sicherzugehen, damit niemand mich mit mir selbst verwechseln könnte.“
„Wirklich?“ fragte Jack und konnte nicht aufhören zu schmunzeln.
Juliet nickte, sah weiter nur ins Dorf hinunter. War so weit weg dabei.
„Ja. Ich hätte nicht mal unbedingt Ärztin bleiben müssen, schon gar nicht Fruchtbarkeitsspezialistin, denn mit den Babys und ihren Müttern ist jetzt noch alles in Ordnung. Vielleicht hätte ich in der Autowerkstatt was machen können. Ich hab schon früher meinem Vater gern dabei geholfen, wenn er an seinem alten Wagen rumbastelte.“
„Das hätte ich gar nicht gedacht.“
„Ja, ich weiß. Und ich weiß auch wie dumm es ist, diese Gedanken. Keiner kann vor seiner Vergangenheit weglaufen, selbst wenn man allen anderen weismachen kann, man … wäre es längst. Aber wenn ich ganz ehrlich bin und alles andere nicht klappt, würde ich es gar nicht so schlimm finden, wenn wir hier im Jahr 1977 feststecken bleiben.“
„Wie das?“
„Wenn wir nicht von der Insel runterkommen sollten, müßte ich dann wenigstens meine Schwester und meinen Neffen nicht mehr immerzu vermissen, denn 1977 gibt es den Kleinen noch gar nicht, und Rachel und ich waren noch glücklich zu Hause bei unseren Eltern. Unser ganzes Leben ist hier und jetzt in diesem Moment irgendwo da hinter dem Meer noch vollkommen perfekt und wundervoll, und das zu wissen … was könnte schöner sein?“
„Du wirst zurück zu deiner Schwester kommen, Juliet“, sagte Jack und hätte zu gern ihre Hand genommen. Aber die hatte sie mit ihrer eigenen verschränkt. Das Lächeln so traurig.
„Weißt du, ich werde das einfach so hinnehmen und dich nicht mal fragen, wie.“
„Mußt du auch nicht“, sagte er leise.
***
Als Eloise und Richard das kleine Lager fanden, wurde es schon dunkel hinter dem Hügel. Sie alle saßen zusammen und doch nicht beieinander. Allesamt angespannt, nervös, ausgesprochen übermüdet. Richards Blick schweifte zum Dharma-Dorf ab. So winzig klein sah es aus von hier. So als könnte es niemals etwas anderes verursachen als graue Rauchwolken aus den gelben Schornsteinen. Eloise tat, als würde sie es gar nicht sehen. Ging einfach dran vorbei.
Jack stand auf, kaum hatte er sie erblickt. Juliet ebenso, lächelte. Kam auf ihn zu.
„Richard.“
Er blieb stehen.
„Entschuldigung, kennen wir uns?“
„Eines Tages“, sagte Eloise leise zu ihm und konnte doch ihr eigenes Lächeln nicht lange halten, weil Daniel plötzlich da war und sie hätte schwören können, die Luft zwischen ihnen gefrieren zu sehen. Einfach so. Er steckte an seinem Ende fest, sie an ihrem.
„Lange nicht gesehen“, sagte er, und sie: „Du siehst müde aus“, und hätte das Eis am liebsten mit der Faust in Stücke geschlagen. Sie viel Stille um sie herum. Momente wie diese genau das, was sie an Überraschungen nicht mochte.
„Warum bist du hier, Mutter?“
„Weil die Insel meine Hilfe brauchte.“
„Wie das? Du greifst doch nie ein, ganz egal worum es geht. Leute, die von Autos angefahren werden oder ausgeraubt oder auch nur an einem Bissen ihres Mittagessens ersticken … du weißt, was jedem von ihnen passieren wird und guckst doch immer nur zu. Was passiert, passiert, weißt du nicht mehr?“
„Doch, tue ich.“
„Aber wenn es um die Insel geht, ist das natürlich anders …“
„Es geht nicht nur um die Insel.“
„Oh, nein, natürlich, es geht um die ganze Welt, das habe ich fast vergessen, wie dumm von mir.“
„Daniel …“
„Nein, Mutter, laß es. Ich muß weitermachen, ich hab zu tun.“
Damit wandte er sich ab. Keine Tür zum zuschlagen, kein Raum, um in ihm zu verschwinden, aber er war weg und blieb es auch.
Seufzen tat sie nicht. Sah in Hurleys verwirrtes Gesicht hinein.
„Was meint er damit, Sie wissen immer, was passieren wird?“
Sie sah ihn nur an.
„So was wie Vorhersehungen oder Träume? Oder haben Sie auch jemanden, der eigentlich tot ist und dann doch die ganze Nacht mit irgendwelchen wichtigen Botschaften an Ihrem Bett steht?“
Sah ihn an so stumm, daß er nervös wurde. Auszuweichen versuchte, einen anderen Blick zu finden.
„Denn wenn das so ist, wäre das wirklich cool, denn wir stehen hier schon den ganzen Nachmittag und versuchen, auf einen Nenner zu kommen, aber kriegen das irgendwie nicht hin. Wie auch. Wie soll man sich dazwischen entscheiden, ob man lieber wieder der Pechvogel vom Dienst wird oder von einer Atombombe in Fetzen gerissen …“
„Einer was?“
„Einer … Atombombe“, sagte Hurley noch mal und mußte doch schlucken. So ein entsetzter Blick in ihren Augen. Ließ sie aussehen, wie ein vollkommen anderer Mensch. „Das wußten Sie nicht? Ich schätze, dann war das wohl ein bißchen zu viel Werbung, die er da eben gerade für Sie gemacht hat. Das ist es doch, was er da auszurechnen versucht. Ich meine, ich weiß nicht genau wie oder womit oder daß so was überhaupt geht, aber er will die Bombe in diese Energietasche werfen, damit sich alles, was nicht stimmt, auflöst und wir alle wieder nach Hause kommen, so wie mit einer Resettaste. Damit alles wieder so ist, wie es vorher war und keiner von uns je hierherkam oder … kommen wird … oder wie immer das auch heißen muß. Was dachten Sie denn, was er die ganze Zeit da macht?“
Dasselbe wie immer, dachte sie, konnte es nur nicht sagen.
*
Früher hatte er immer Pyramiden an die Blattränder neben seine Gleichungen gezeichnet. Schon als ganz kleiner Junge. Würfel auch. Manchmal Zylinder. Hatte sich in ihrer Dreidimension verloren und Dinge in ihnen gesehen, die Papier niemals fassen konnte. Und Eloise wußte, das Blümchen, das hier und jetzt unter Daniels Stiftmine Form angenommen hatte, bemerkte er erst, als ihr Schatten über sie fiel.
Wie oft sie sich in ihrem Leben schon gewünscht hatte, diesen Abschnitt seines Lebens, genau diesen Moment mitansehen zu können, war unmöglich zu zählen, aber die Vorstellung im eigenen Kopf dafür einmal mehr so viel leichter manipulierbar als die Wirklichkeit.
Vielleicht, wenn sie nicht zu ihm gegangen wäre … einfach bei Richard und den anderen geblieben, ihm tatsächlich trotz der unerwarteten Neuigkeit nur zugesehen hätte, am Rande gestanden, ihn tun lassen was er tat …
Wer hatte je behauptet, ungeahnte Wege zu betreten würde sich nicht genau so anfühlen, wie es das jetzt tat? Beängstigend. Lähmend sogar. Fast stolperte sie, noch ehe sie ganz bei ihm angekommen war.
Als Richard sie auf dem Weg hierher gefragt hatte, was aus dem Baby geworden sei, hatte sie selbst für einen Moment vergessen, daß er inzwischen fast so alt wie Richard war, zumindest wenn man nichts als die physikalischen Attribute betrachtete, und wieviel einfacher war es doch, sich auf dem gesamten langen Fußweg durch den Dschungel auszumalen zu versuchen, wie wenig Richard die Welt verstehen würde, wenn er am Ende statt des kaum geborenen Babys einen erwachsenen Mann vor sich sah, als darüber, wie sie selbst diesem Mann in die Augen sehen sollte. Die Zeit, die Zeit, einmal mehr das mißverstandendste Mysterium der gesamten großen weiten Welt.
Vielleicht hätte sie darauf kommen müssen, daß auch er eines Tages einfach vom eigentlichen Pfad abwich. Immerhin war er nicht nur ein Mann, er war ihr Sohn. Genau so störrisch, so engagiert, so besessen und in seiner eigenen Welt zu Hause, genau so bis ins Herz gelähmt jedes Mal, wenn er begriff, Liebe war nicht unweigerlich ein Synonym für Glücklichsein.
Worte so schwer zu finden.
„Wann kam dir die Idee?“
„Was?“
„War es gestern, heute, während eines der Zeitblitze?“
„Warum willst du das wissen?“
„Weil du ganz genau weißt, daß das nicht das ist, was passieren soll. Du darfst nicht verändern, was immer war.“
„Was meinst du damit?“
Was sollte sie da schon sagen? Das war es, was „Zeitschleife“ bedeutete? Das war es, was ihr über dreißig Jahre lang so viel mehr Vorhersehungsmacht geschenkt hatte, als man je brauchen oder ertragen könnte, weil es so viel eindeutiger war, als die bloßen hellsichtigen Träume zuvor? Ein Ausrutscher, ein Schluckauf des Universums, wenn man es denn so nennen wollte und seinen Humor noch nicht verloren hatte …? Das war es, was es zu bewahren galt, damit passierte was passieren würde, statt etwas sehr viel schlimmerem?
Aber vielleicht mußte sie all das auch gar nicht sagen. Es war ja so schwer nicht zu verstehen, vor allem für ihn. Er war ein kluger Junge, der klügste Mensch, den sie kannte. Er wußte, daß alle Dinge andere Dinge nach sich zogen. Er wußte was es hieß, Opfer zu bringen. Er wußte, daß am Ende manchmal nichts anderes blieb als den, den man eigentlich liebte, zu hassen.
„Tu es nicht, Daniel.“
„Mutter, bitte, es ist egal was du sagst. Ich muß es versuchen.“
„Nein, was du tun mußt, ist den Knopf entwickeln für den Computercode in der Luke. Das ist deine Aufgabe hier.“
„Den Knopf? Du meinst den, den Desmond drei Jahre lang alle 108 Minuten gedrückt hat? Der dafür verantwortlicht war, die Oceanic 815 hier abstürzte an dem einen Tag, als er zu spät kam?“
„Ja.“
„Wieso sollte ich das denn tun, wenn ich statt dessen das gesamte Drama einfach auslöschen kann, indem es weder Knopf, noch Luke, noch Energiebedrohung je wieder geben muß?“
„Weil …“
„Weil was?“ fragte er und sah sie so lange, so wartend, so aufmerksam, so tatsächlich hoffend wie seit ganzen Ewigkeiten nicht mehr. Nur ein Satz in ihrem ganzen Sein. Hallte, erstickte, biß.
Weil ich dich darum bitte.
Und ließ sich doch genau so wenig sagen wie damals, als es Charles gewesen war, der vor ihr saß, nicht er.
*
Hurley hatte so viele Dinge in seinem Rucksack und einen so guten Einfall damit, sie daraus hervorzuzaubern und ihnen allen nicht nur etwas gegen die leeren Mägen zu geben, sondern auch einen Moment, um auszuruhen, nicht zu diskutieren, überhaupt nicht zu reden, sondern einfach nur dazusitzen und zu essen und dabei für eine Weile fast das Gefühl zu vermitteln, als wäre am Ende auch dieser Tag gar nicht so viel anders als alle anderen, die sie schon miteinander verbracht hatten, und Jack haderte mit sich. Er wollte Kate zu gern fragen, was sie von dem Plan mit der Bombe hielt, was sie wirklich darüber dachte. Wollte wiesen, ob es nicht vielleicht sogar leichter für ihn gewesen wäre, eine Entscheidung zu fällen, wenn sie ihm sagte: „Wenn das bedeutet, es besteht auch nur die kleinste Chance, Claire zurückzubekommen, dann ist das für mich keine Frage.“
Aber was, wenn sie statt dessen sagte: „Willst du denn wirklich alles, alles was wir zusammen erlebt haben einfach ungeschehen machen? So als wäre es nie passiert? Wir einander nie begegnet und einfach wieder Fremde, die zusammen in einem Flugzeug sitzen?“ Weil das am Ende doch ganz genau so wahr sein konnte … Er steckte dazwischen, hin und hergerissen. Versuchte wenigstens die eine Frage verbissen zu unterdrücken: Ob es am Ende nicht vielleicht doch eher ein Fehler als die Rettung von irgendwas gewesen war, Hurleys und Bens so eindringlicher Bitte, wieder hierherzukommen, nachzugeben.
*
Es war immer einfach, unterdrückte Gefühle als nicht vorhanden zu bezeichnen, wenn man nur aus der Ferne zusah. Richard hätte nicht sagen können, wie oft er Eloise schon so hatte dastehen sehen. Hoch aufgerichtet, stolz, unberührt und still, Gestalt und Gesicht, selbst nachdem ihr Sohn ihr längst den Rücken gekehrt hatte und sie stehenlassen. 70 Jahre alt, 40 oder 20, das machte keinen Unterschied. Ein einziges Mal nur hatte er tatsächlich Tränen fast aus ihren Augen fallen sehen. An dem Morgen als sie ihm sagte, sie wollte weg, und er, so ahnungslos: „Na ja, ich nehme an, du könntest wohl eine Weile im Tempel unterkommen, auch wenn ich weiß, daß es dir da nicht so gut gefallen wird mit all den Steinen überall.“
„Nein, nicht weg aus dem Lager, ich meine weg von der Insel.“
„Was?“
„Ich muß, Richard. Ich muß. Ich kann hier nicht bleiben. Nicht so.“
„Aber … aber Ellie, das geht nicht. Die Insel wird dich nicht gehen lassen. Sie ist noch nicht fertig mit dir. Sie braucht dich.“
„Ich geh trotzdem.“
Acht Monate erst her und kam ihm hier und jetzt doch vor wie eine Ewigkeit, und wenn da nicht plötzlich diese Stimme hinter ihm aufgeklungen wäre, wäre er zu ihr gegangen.
„Also … was ist das mit ihr?“ fragte Hurley und blieb neben ihm stehen. „Ich meine, du kennst sie, richtig?“
„Tu ich.“
„Und sie ist nicht … ich meine, sie spielt nicht beide Seiten oder so, oder? Denn immerhin hat Widmore einen ganzen Frachter hierhergeschickt, um alle umzubringen, und Miles hat gesagt, er hat Widmore und sie in einem dieser uncoolen aber trotzdem irgendwie coolen Zeitblitze gesehen. Zusammen, hier auf der Insel, beide da bei dir und den anderen … Anderen in eurem Camp irgendwann vor 50 Jahren. Und wenn er herkam, um die Insel zu zerstören und sie doch sagt, sie wollte sie retten, da frag ich mich einfach … was ist das da für eine Geschichte mit den beiden?“
Alles, was Richard nicht wollte, war seufzen.
Wie faßte man so was in Worte, wenn Worte doch niemals reichten, auch nur einen all der vielen kleinen Momente wirklich zu beschreiben?
Er erinnerte sich so genau. Vor allem an den Morgen, als sie ganz allein in ihrem Zelt aufgewacht war, denn auch der war so lange noch nicht her … für ihn, hier, auf der Insel. Acht Monate, 23 Tage. Er hatte draußen am Feuer gesessen und Frühstück gemacht und sich dabei so bemüht, leise zu sein, nicht zu klappern, nicht zu laut mit den anderen zu reden, damit sie weiterschlief, einfach nicht zu früh aufwachte. Unsinnig so ein Wunsch, natürlich, denn sie war immer zur selben Zeit wach. Auf sie war Verlaß. Ihre Stimme nicht einen Hauch anders als sonst, als sie aus ihrem Zelt herauskam, und er so viel zu schnell sagte: „Morgen. Möchtest du etwas Brot oder …“
„Wo ist Charles?“
„Ich weiß nicht.“
„Was meinst du denn damit? Er ist noch nicht wieder zurückgekommen?“
„Noch nicht“, hatte er gesagt und wußte immer noch, es war trotz allen Frustes nicht verräterisch gewesen. Sie trotzdem sofort so nah dieser ihr uneigenen Panik.
„Warum hast du mir nicht Bescheid gesagt? Was ist passiert? Warum sucht niemand nach ihm? Warum … warum sind die anderen zurück?“
„Ich…“
Sie war an ihm und all seinem Bemühen, genau das zu verhindern, vorbeigegangen, auf Smith, Lou und Gordie zu, die kaum wagten, die beschämten Blicke von ihren Frühstückstellern zu heben.
„Warum seid ihr wieder hier aber er nicht?“
Vielleicht waren es auch ihre eigenen Schuhspitzen, auf die sie so ausgiebig starrten. Das hatte er nicht gesehen, er hatte nur sie gesehen.
„Wo ist er? Antwortet mir. Habt ihr ihn einfach dagelassen? Haben die ihn sich geschnappt? Haben die ihn mitgenommen? Haben die den Waffenstillstand gebrochen? Haben die ihm was angetan? Gab es einen Kampf, einen Hinterhalt oder …“
„Der Waffenstillstand gilt noch, Ellie“, hatte er sagen müssen, irgendwann … und doch nicht gewußt, wie sie ihn danach ansehen würde.
Der Moment des Begreifens schlimmer als … alles, alles andere. Experimentierlabore, gerodete Wälder, zerstörte Heiligtümer, unter die Lupe gezerrte Wunder, ganze Schiffsladungen voller Fremder, die kamen und glaubten, die Insel gehöre ihnen allein darum, weil ihre Füße auf ihr standen. Nein, das hier war schlimmer, und Charles so mit sich selbst im Reinen, als er eine knappe Stunde später zurück ins Lager geritten kam. Hatte sich nicht mal mit Begrüßungen aufgehalten.
„Richard, ich brauche die Pläne für die Stationen. Die wollen tatsächlich noch eine neue bauen und zwar wieder ganz still und leise auf unserem Boden. Kannst du das fassen? Sie wollen sie „Schwan“ nennen … Idioten die.“
Natürlich hatte er ihm die Pläne gebracht, sie vor ihm auf dem Tisch ausgebreitet und auch den Stift gefunden, den Charles so dringend suchte. Nur gesagt hatte er nichts.
„Hast du die neue Straße schon eingezeichnet? Hast du gesehen, wie weit die sich an der Grenze befindet? Wenn wir nicht aufpassen, kommen sie rüber auf unsere Seite und behaupten nachher, das wäre schon immer ihre gewesen. Wird Zeit, daß wir mal wieder was anderes tun als immer nur die Friedensfahne zu schwenken. Die fangen an, sich zu wohl zu fühlen. Da in dem Haus gab es sogar ein „Studierzimmer“. Kannst du das fassen? Studierzimmer hat sie gesagt und mich rumgeführt, als wären wir hier in der Universität von Oxford oder weiß der Teufel wo. Da fällt einem nichts mehr zu ein, oder?“
„Nein“, hatte er da gesagt und Charles tatsächlich endlich mal den Kopf gehoben, ihn angesehen.
„Stimmt was nicht, Richard?“
Aufmerksam genug, es lauernd zu nennen.
„Du hast doch Ellie nichts erzählt, oder?“
„Das mußte ich nicht.“
Im nächsten Moment schon nichts als spöttisch.
„Oh wirklich, Richard? Du mußtest nicht? Ja, darauf wette ich. Du mußtest sie nur einmal ganz besonders lange angucken, und sie wußte Bescheid. Sie konnte alles in deinen treuen Augen lesen. Verdammt noch mal, wann wirst du endlich kapieren, daß es da einen Unterschied gibt zwischen privat und Geschäft? So lange, wie du schon hier bist und angeblich für dieselbe Sache kämpfst, ernsthaft, ich versteh das nicht.“
„Und ich versteh nicht, daß du nicht begreifst, daß das hier kein Geschäft ist“, hatte er geantwortet, obwohl Charles aussah, als wollte er im nächsten Moment aufspringen und den Tisch umwerfen.
Ob Ellie schon damals an jenem Tag beschlossen hatte, die Insel zu verlassen, wußte er nicht, und zu sagen, hier und jetzt zu Hurley, gab es nur eines.
„Er hat ihr Herz gebrochen.“
Und Hurley seufzte, als würde er trotzdem auch all das andere tatsächlich verstehen.
„Na das ist doof, Alter.“
„Ja“, sagte Richard und wollte den Kopf nicht senken müssen.
*
Walt hatte nicht viel gesagt. Vor allem hatte er nicht gesagt, wie lange Locke Ben würde durch den Dschungel folgen müssen und was sich vor ihm auftun, als sie am Ende den Strand erreichten.
„Wir sind da“, sagte Ben und holte tief Luft.
„Da“ war ein riesiger Statuenfuß auf einem Sockel. Stand mitten am Strand, hoch wie ein Haus. Vier Zehen, darunter eine Tür.
Ben zögerte sichtlich, lachte, klang wie ein kleiner Junge, der versuchte, sich selbst Mut zuzureden.
„Also eigentlich dürften wir die Tür gar nicht aufkriegen, denn anscheinend erlaubt Jacob nur jemanden zu sich rein, den er auch eingeladen hat … aber warum sag ich dir das. Du weißt, was Jacob tut und will, du hast ja schon oft genug mit ihm gesprochen. Und wer weiß, vielleicht hat er dich ja sogar eingeladen und darum bist du hier, und wenn die Tür jetzt aufgeht, dann ist das eigentlich nur für dich gedacht.“
Sie ging auf, die Tür. Knarrte dabei und sah doch aus wie aus Stein. Der Raum dahinter riesengroß, voller mystischer Symbole, Säulen, Feuerschalen und einem überdimensionalen Webstuhl. Dazu ein Gefühl, als wären sie zweitausend Jahre durch die Zeit gefallen.
Der Teppich malte ein Bild, eine ganze Geschichte wie aus einer ägyptischen Pyramide mit dem Horusauge hoch über allem, und Locke konnte den Blick nicht mehr davon lösen. Zuckte zusammen, als eine Stimme hinter ihm aufklang.
„Gefällt er dir? Hab ich alles selbst gemacht. Dauert eine sehr lange Zeit, wenn man die Fäden alle selbst herstellt … aber ich nehme an, genau darum geht es wohl, oder?“
Selbst er sah auf den ersten Blick aus wie aus Stein. Kleidung, Haut, Haare, alles eine Farbe. Kein Hauch von Schrecken in seinem Gesicht. Nein, da war ein Lächeln.
Ben lächelte nicht.
„Das ist wieder so typisch für dich, Jacob, daß Du nur ihn siehst und mich nicht.“
Ganz langsam ging er auf ihn zu. Die Hände zu Fäusten geballt Die Augen so groß und seltsam.
Jacob stand still.
„Fünfunddreißig Jahre habe ich auf dieser Insel gelebt, und alles, was ich je gehört habe, war dein Name. Immer und immer wieder. Jacob, der große. Jacob, der mächtige. Jacob, der Hüter von allem. Richard brachte mir deine Anweisungen, all diese Zettel, all diese Listen, und ich habe nie irgendwas davon in Frage gestellt. Ich habe getan, was mir aufgetragen wurde, und jedes Mal, wenn ich es wagte zu fragen, ob ich dich selbst mal sehen könnte, wurde mir gesagt: „Du muß warten. Du mußt Geduld haben." Aber weißt du was? Ich hab genug. Ich hab genug gewartet. Ich hab genug davon, zu tun was immer du auch willst. Jetzt bist du dran, Jacob.“
„Dran womit?“
„Was denkst du wohl?“ fragte Ben, und Locke sah wie seine Finger sich krampften, wie es ihm mit jedem Wort schwerer fiel, ruhig zu bleiben, überhaupt zu reden. „Ich will, daß du mir sagst, daß du deinen Arm ausstrecken kannst und mit einem einzigen Fingerzeig den Bastard bestrafen, der meiner Tochter das Leben genommen hat, so wie ein richtiger Gott. Das ist es, was ich von dir will.“
„Aber das kann ich nicht tun, Benjamin“, sagte Jacob, so ruhig. Trotzdem hallte es von den steinernen Wänden. „Und sie war nicht deine Tochter.“
Und da stürzte Ben vor. Wie in Zeitlupe kam es Locke vor. Alle Zeit der Welt war da, hing einfach zum Rauspflücken in der Luft, ließ sich von ihm drehen und wenden und solange beschützen, bis das Messer aus Bens Fingern fiel und mit einem scharfen Klirren auf den steinernen Boden, statt sich durch Jacobs Hemd zu bohren und hinein bis in sein Herz.
Daß er es ihm entrissen hatte, ihn von Jacob weggezerrt, zu Boden geschubst, bemerkte er kaum. Aber Jacob, der sah es, sah alles, vor allem ihn an mit einem Lächeln, das ihm das Herz summen ließ.
„Ich hab es immer gewußt“, sagte er dabei.
„Was gewußt?“
Lächelte nur weiter, streckte die Hand aus und berührte Lockes Schulter. Einmal nur, ganz kurz, und Ben am Boden klang, als würde er in Tränen ausbrechen vor Schmerz.
„Bist du okay?“ mußte Locke fragen, denn vielleicht hatte er zu fest geschubst und Ben war verletzt. Doch er stieß ihn von sich, kaum hatte er sich ihm zugewandt. Fuhr ihn an.
„Nein, ich bin nicht okay!“ Kam nur mühsam auf die Beine und stolperte davon.
„Ben!“
Er blieb nicht stehen. Ließ die Tür hinter sich zufallen und die Wände dröhnen. Sogar einzelne Fädenenden am Wandteppichrand bebten. Lockes eigene Stimme ganz heiser.
„Was jetzt? Wie geht es jetzt weiter?“
Doch als er sich wieder umdrehte, war Jacob verschwunden, er ganz allein zwischen den flackernden Feuern.
***
Es war eine stille Nacht. Da war kein Wind in den Bäumen, keine Grillen, Frösche, Nachtvögel, kein Schlaf. Kaum wollte die Sonne aufgehen, verkündete Daniel, alles was sie jetzt noch bräuchten, wäre der Plutoniumkern der Wasserstoffbombe und keine Zwischenfälle außer dem einen, den die Bauarbeiter in der Schwanbaustelle gegen Mittag auslösen würden. Auf die Frage, wie sie diesen Kern denn überhaupt dahin bekommen wollten, wie sie nah genug an das Bohrloch herankommen sollten, ihn hineinzuwerfen, wußte er genau so eine Antwort wie auf alle anderen, die sie ihm stellten.
„Die werden da so mit den Auswirkungen des Energielecks zu tun haben, daß ihnen einer mehr oder weniger in dem Durcheinander nicht auffallen wird. Alles, was wir brauchen, ist einer von diesen Dharmaanzügen. Mr. Alpert, ich weiß, Sie hatten lange ihre Konflikte mit dem Dharmadorf, oder besser gesagt, haben sie gerade, aber haben Sie vielleicht auch so einen Anzug in ihrem Besitz?“
„Ja“, sagte Richard und warf Eloise einen Blick zu. Sie blinzelte nicht mal.
„Gut. Könnten Sie uns den vielleicht besorgen?“
„Ja …“
„Gut. Alles, was wir dann noch müssen, ist aufpassen, daß da nicht zu viel Metallenes dran ist, denn sonst saugt uns das Loch in sich rein.“
„Uns?“ horchte Hurley auf. „Ich dachte, es geht nur einer. Wer soll das überhaupt sein?“
„Ich“, sagte Daniel schlicht, und Eloise schluckte.
So viel Stille einmal mehr ringsum.
So viele hin und hergerissene Blicke.
Daniel lächelte einfach in alle hinein.
„Warum guckt ihr denn so? Ich hab doch gesagt, danach wird es sein, als wäre nie was passiert, also, alles kein Problem. Mr. Alpert, Sayid, Miles, wollen wir?“
Sayid und Miles nickten, schlossen sich Daniel an, um den Plutoniumkern aus der von Richard vor 23 Jahren sicher versteckten Bombe wieder auszugraben.
Richard zögerte. Blieb neben Eloise stehen.
„Möchtest du, daß ich bleibe?“
„Nein, geh nur“, sagte sie.
Also ging er.
Jack, Juliet, Hurley, Kate, Sawyer und Jin blieben. Verfielen wieder in Schweigen. Eloise stand mittendrin und doch ganz allein.
„Dann scheint es wohl, als wäre die Entscheidung gefallen“, sagte sie.
„Haben wir denn eine Wahl?“ fragte Jack. „Immerhin scheint es nicht viele Möglichkeiten zu geben. Die Zeitsprünge haben aufgehört. Das Flugzeug samt Pilot ist weg. Wir wollen hier nicht bleiben. Vor allem nicht … nicht in diesem Jahr. 1977 … das ist verrückt.“
Hurley nickte.
„Ja, ich meine, selbst wenn wir von der Insel runterkommen könnten, irgendwie … denn immerhin hatten die Dharma-Leute ja mal ein U-Boot, oder werden mal eins haben … und selbst wenn wir das dann irgendwann irgendwie kidnappen könnten oder so, was sollen wir denn dann bei uns zu Hause 1977 machen? Mal ganz davon abgesehen, ob wir dann überhaupt lange da wären, denn wenn wir uns selbst da über den Weg laufen … ich will nicht sagen Marty McFly läßt grüßen, aber irgendwie klingt das ja doch logischer als daß wir zum Beispiel uns selbst das Fläschchen geben oder so was, oder?“
„Also das …“
„Das wissen Sie auch nicht? Was wissen Sie denn überhaupt?“
„Hurley“, warf Juliet sachte ein.
„Nein, ich meine das ernst, ich möchte es wissen.“
„Was? Was willst du so unbedingt wissen?“ fragte Eloise kühl.
„Alles. Irgendwas. Über die Insel, die Eisbären, das Monster, die ganzen verrückten Sachen, die hier so vor sich gehen. Ihr Freund Richard allein, was ist mit dem? Ich meine, wie viele Zwillingsverwandte kann jemand haben? Oder reist er ständig durch alle Zeiten wie andere Leute im Bus durch die Stadt immer gerade dahin, wo einer von uns ist, um seinen Spaß mit uns zu treiben?“
„Also das wäre wirklich albern, und wir haben hier und jetzt ganz sicher keine Zeit für ein Frage- und Antwort-Spiel.“
„Aber das müssen wir. Wir müssen Antworten kriegen“, widersprach Hurley und stand auf, so sehr sie alle auch guckten, als wollten sie sagen, er sollte es lassen. „Die haben wir verdient nach all dem, was wir hier durchgemacht haben. Es war so eine lange Zeit, und nie wurden wir in Ruhe gelassen, immer kam jemand mit irgendwelchen verrückten Geschichten und Rätseln und geklauten Kindern und falschen Gefangenen und Weltrettungscomputern und hat uns mit brennenden Pfeilen beschossen oder entführt oder versucht, in die Luft zu jagen oder irgendwie anders den Schlaf geraubt. Immerzu ist irgendwas und wir müssen unsere Köpfe senken und mitmachen oder rennen und das mehr als einmal um unser Leben, und jetzt geht es wieder nur um das eine, entweder wir sterben und retten dabei vielleicht die Insel, auch wenn ich keine Ahnung hab wovor, oder wir können uns überhaupt nicht mehr an das alles hier erinnern und machen da weiter, wo wir vorher waren, ob wir nun wollen oder nicht, und bevor das eine oder auch das andere passiert, will ich wissen, warum.“
Ganz rot waren seine Wangen. Die Hände zu Fäusten geballt. Eloise sah aus, als würde es sie sehr viel Mühe kosten, nicht spöttisch zu klingen.
„Warum? Weil manche Menschen dazu bestimmt sind, Dinge zu tun, die andere nicht tun können. Darum.“
„Dazu bestimmt …“
„Ja. So ist das einfach. Und es tut nichts zur Sache, ob jemand dagegen argumentieren will oder es nicht wahrhaben oder sich sogar wehren. Das verschwendet nur Energie. Das ändert nichts. Das Universum weiß was es will, und das bekommt es für gewöhnlich auch, auf die eine oder andere Weise. Jeder hat seinen Platz im Leben.“
„Und was soll das heißen? Unser ist hier auf der Insel, und deswegen werden wir nicht zurückkommen, sondern doch alle tot umfallen?“
„Es heißt, daß niemand seinem Weg entkommen kann. Früher oder später kommen alle dahin, wo sie zu sein bestimmt sind, tun, was sie zu tun und erleben, was sie zu erleben haben. Manchen mag das nicht gefallen, manche sträuben sich vielleicht auch mit Händen und Füßen dagegen, aber niemand, niemand kann seinem Schicksal entkommen.“
„Und doch scheint dir dein eigener Sohn da widersprechen zu wollen“, sagte Sawyer.
„Ja, das will er allerdings, aber aus persönlichen Gründen.“
„Ist nicht alles persönlich?“, versetzte Sawyer und sah ihn ganz genau, den Blick, den Kate nicht senkte. Vielleicht das erste Mal, seit sie zurückgekommen war. Sie sah ihn an und nicht wieder weg, und er konnte nicht fassen, daß Jack sogar dazwischenfahren mußte und sie doch wieder ablenken.
„Was genau ist der schwarze Rauch?“
Und Eloise seufzte und tat ein paar Schritte, sah über sie alle hinweg den Hügel hinunter, dorthin, wo an seinem Fuße nicht das Dharma-Dorf, sondern der Dschungel begann.
„Als ich damals hierher kam, erzählte man mir eine Geschichte, die so alt ist wie die Insel selbst. Darin ging es um diese beiden Brüder, die hier aufwuchsen und in einem ständigen Kampf darum lagen, wer wohl König dieser kleinen Welt zu nennen war. Und es geschah, was in alten Geschichten wie diesen immer geschieht. Die Kämpfe, der Wettstreit, die Eifersucht wurden immer schlimmer, immer brutaler, immer wutentbrannter und verblendeter. Am Ende war einer von ihnen tot, und es heißt, am selben Tag verdunkelte sich der Himmel, die Luft, die gesamte Insel. Tag wurde zu Nacht und Sommer zu Winter. Die Zeit stand still. Pflanzen und Tiere starben. Es heißt, das war der Tag, an dem das „Rauchmonster“, so wie ihr es nennt, in die Welt kam, um den zweiten Bruder und all seine Nachfolger für alle Zeit bei seinem bloßen Anblick daran zu erinnern, daß niemand nur gut ist, sondern jeder eine böse Seite in sich trägt, die sich im kleinsten unerwartetsten Augenblick zeigen kann, immer, überall. Niemand kann sagen, er hätte keine Fehler. Niemand ist perfekt. Der bloße Versuch, es zu sein, ist schon ein schwieriger Test, und es heißt in all den Jahrhunderten, die diesem schrecklichen Tag folgten, gab es kaum jemanden, der den Test tatsächlich bestanden hätte.“
„Aber das ist nur eine Geschichte“, sagte Jack.
„Alles ist Geschichte“, sagte Eloise. „In dem Moment, wo jemand etwas erlebt und nach Hause geht und es seiner Familie, seinen Freunden erzählt, wird es schon zu einer Geschichte. In dem Moment hört die Wahrheit auf, unveränderbar zu sein, aber ihr Kern bleibt immer bestehen. Darum sagt man, alle Geschichten hätten einen wahren Kern. Dieser eine Samen, aus dem sie entstand.“
„Ja, diesen Samen nennt man auch Phantasie.“
„Und wie nennst du den schwarzen Rauch, Jack? Oder all die anderen Dinge, die du hier erlebt hast? Und nicht nur hier?“
„Zeigt er deswegen die Bilder“, fragte Kate leise, weil sie den Blick nicht ertragen konnte. Ihren, seinen.
Hurley sah aus, als ginge es ihm genau so. „Bilder?“
„Ja, damals als Juliet und ich im Dharmadorf zurückgelassen wurden und zurück zum Camp wollten und an den Zaun kamen … das Monster konnte nicht weiter, es blieb dahinter stecken, und da hab ich Bilder in ihm gesehen. Kleine helle Lichtblitze, wie Negative von Fotos.“
„Auf diese Weise durchschaut es deine Seele, deine Gedanken, deine Vergangenheit, dein ganzes Sein. Es zeigt dir, was es glaubt, dich über dich selbst sehen lassen zu müssen, wenn du denn nur genau genug hinsiehst.“
„Aber wieso hat es uns dann so oft angegriffen. Wieso hat es so viele Menschen getötet?“
„Wo Licht ist, muß es auch Dunkelheit geben. Wo gute Mächte wirken, müssen sich auch böse finden. Nichts auf der Welt funktioniert ohne dieses Gleichgewicht, diese Balance. Oder wenn, dann doch zumindest nicht für immer.“
„Und warum haben dann alle immer behauptet, es wäre ein Sicherheitssystem?“
„Warum wohl? Weil es das ist, was Menschen tun, wenn sie Angst vor etwas haben, wenn sie etwas nicht gut genug verstehen. Das ist ihre Art und Weise damit umzugehen, es zu rationalisieren so gut es nur geht. Was könnte besser sein, wenn man sich wirklich vor etwas fürchtet, als es sich zum genauen Gegenteil von dem zu erklären, was es tatsächlich ist.“
„Das ist verrückt“, sagte Jack.
„Das ist das Leben“, sagte Eloise, und Sawyer konnte nicht spöttisch genug schnauben.
„Also was soll das heißen? Diese Insel hier ist das Märchen aller Märchen? Das Paradies? Disneyland samt Gruselbahn?“
Eloises Stimme gleichbleibend kühl.
„Diese Insel ist das, was die Welt braucht, um ihre Balance zu halten. Etwas, das unverändert bleibt, ganz gleich wie sehr die Zeiten sich auch wandeln. Ein Ort, an dem alles noch so existiert wie zum Anbeginn der Zeit. Etwas Ursprüngliches. Etwas, das seine Magie, seinen Zauber, seine Harmonie noch nicht verloren hat so wie der Rest der Welt durch all die Dinge, die sie heimsuchen und auseinanderreißen und forttreiben, all die wissenschaftlichen Entdeckungen und sogenannten Fortschritte der Technik und der Lebensweise, die Veränderungen des Denkens und der Definitionen von wichtig und irrelevant, richtig und falsch, gut und böse, Macht und Liebe. Diese Insel sieht heute genau so aus wie vor Tausenden von Jahren. Es tut nichts zur Sache, wann man herkommt, weil die Zeit hier keine Rolle spielt, keinen Einfluß hat auf irgendwas, nicht gebraucht wird. Die Insel ist, was die Welt hält, sie ist ihr Anker und darum so, so wichtig.“
„Und darum kann sie auch durch die Zeit rutschen und sich einfach mal vertun und 1977 sagen, wenn eigentlich 2005 ist?“
„Das ist nur eine Zahl. Ein Begriff. Nur für uns Menschen von Bedeutung, weil wir es sind, die den Zahlen eine Bedeutung zugeschrieben haben. Unsere Sinne können immer nur einen bestimmten Augenblick in einer bestimmten Zeit wahrnehmen, aber in Wirklichkeit existieren alle Zeiten immer nebeneinander. Das hier und jetzt ist ein Morgen im Januar 1977 genau wie es ein Morgen im April 2005 ist oder im September 2315 oder im März 842 ist und zwar überall auf der Welt. Aber nur hier auf der Insel ist es möglich, gewisse Barrieren zu brechen. Dinge zu sehen, die überall sonst unmöglich genannt werden würden oder Unsinn oder sogar Wunder. Und darum muß ein Ort wie dieser mit aller Macht beschützt werden.“
„Sie meinen durch Jacob?“
„Jacob …“
„Ist er der Bruder? Der, der damals übrigblieb, als der andere starb?“
„Nein. Jacob war schon sehr viel länger hier.“
„Wer ist er?“
„Ich denke, das wißt ihr bereits.“
„Nnn…nicht wirklich“, sagte Hurley und sah Eloise dabei zu, wie sie seufzte.
„Doch, ihr wißt es. Licht, Dunkel, Tag, Nacht, Sommer, Winter, die ewige Balance aller Dinge … Jacob ist nur ein Name, etwas, das wir Menschen brauchen, um Dinge zu begreifen. Jacob könnte auch anders heißen, er könnte tausend Namen haben oder gar keinen, er wäre trotzdem was er ist und immer, immer da.“
„Aber er ist nicht der, der die Insel beschützt …“
„Er ist ein Beschützer in einem noch viel größeren Zusammenhang als diesem. Aber was die Insel sucht, ist ein Anführer, ein Mensch, der die Leute, die hier seit Jahrtausenden leben, für eine Weile führt und leitet, der fernhält, was das Gleichgewicht der Insel gefährdet … oder wer … und somit bewahrt, was bewahrt gehört.“
„Wer wählt den?“
„Die Insel. Sie hat einen Weg, zu sich heranzuziehen, was sie im jeweiligen Moment am meisten braucht.“
„Auch Leute?“ fragte Hurley und schluckte.
„Vor allem Leute.“
„Wie?“ fragte Jack.
„Genau so wie der Mond das Wasser anzieht, Ebbe und Flut verursacht. Manche Orte sind genau wie manche Menschen einfach etwas Besonderes, mit besonderen Fähigkeiten und Möglichkeiten.“
„Ja, aber wie besonders kann jemand schon sein? Wird nicht überall auf der Welt immer so gern gepredigt, wie gleich wir doch alle in den tiefen unserer Seele sind“, spottete Sawyer.
„Dabei geht es dann doch eher immer um die allseits beliebte Besänftigungsstrategie. Was ich meine ist … genau so wie manche Menschen zu Trübsinn neigen, zu Schusseligkeit oder zu Sommersprossen, gibt es auch eine Neigung zur … nun, nennen wir es am besten Habgier. Ein Mensch kann noch so lieb und nett und voller guter Vorsätze stecken, erst in einem Moment der Prüfung, erst wenn er Macht erhält und die Möglichkeit, sie nach seinem eigenen Belieben zu nutzen, zeigt sich, wer er wirklich ist. Und wenn es dabei um etwas so einzigartiges und wunderbares wie diese Insel und ihren Zauber geht, dann verlieren die Menschen sich und ihre guten Absichten schneller als man ihnen dabei zugucken kann. Und dieses Merkmal, sich nicht von einer eigenen Selbstsucht und Habgier unterdrücken zu lassen, das ist in einem Menschen genau so unabänderlich vorbestimmt wie seine Haarfarbe. Das kann man ertesten … und ich sehe sehr wohl, Jack, daß dir das nicht reicht. Daß du mehr als alle anderen hier unzählige Dinge hast, die du mir gern sagen würdest, um allem, was ich gerade gesagt habe, zu widersprechen. Aber bitte erspar uns beiden die Mühe und laß mich nur noch eines hinzufügen: ich bin sicher, eines Tages in naher oder ferner Zukunft wird es eine perfekt ausformulierte Definition des Wortes „besonders“ geben, wissenschaftlich ausgeklügelt und eindeutig mit Fakten und Analyseergebnissen belegt für jeden Menschen schon in der Schule als unabänderlich lernbar, aber hier und jetzt fürchte ich, wirst du es genau so hinnehmen müssen wie die Bischöfe, als Galileo ihnen sagte, die Erde wäre keine Scheibe.“
„Aber ich versteh immer noch nicht“, sagte Hurley, weil Jack es nicht tat. „Heißt das nun, Ihr Sohn hat recht und wir kommen wieder zurück ins Jahr 2004? Denn Ihnen mag ja egal sein wie ein Jahr heißt, aber ich hab wirklich keine Lust, noch mal fast 30 Jahre auf die Clone Wars zu warten.“
„Nun, das einzige, was ich sagen kann, ist daß ein so großer Eingriff aus einer Zeitlinie in eine andere Zeitlinie immer Konsequenzen nach sich zieht.“
„Und was soll das bedeuten?“
„Daß ihr Dinge verändert vorfindet könntet.“
„Hier, oder …“
„In eurem Leben. Das, in welches ihr dann zurückkehren werdet.“
„Was für Dinge?“ fragte Kate.
„Soll das heißen, wenn die Luke hier nicht gebaut wird, hat das sogar einen Einfluß auf unser Leben vor 2004?“ fragte Jack.
„Es könnte“, sagte Eloise.
„Das heißt dann also, statt Tellerwäscher werde ich ein asiatischer Prinz oder so was?“
„Nicht ganz so weithergeholt, aber … ja, James, du wirst es möglicherweise fühlen.“
Sawyer hätte nicht leichtfertiger mit den Schultern zucken können.
„Na ja, so lange das nicht bedeutet, ich guck mir dann von früh bis spät Heimatschnulzen an und häkele dabei Deckchen, soll mir das recht sein.“
„Und was, das heißt jetzt, alles ist beschlossen? Endgültig?“ fragte Juliet, sah Jack an.
„Ich weiß nicht …“, sagte der und mehr nicht.
*
Die Zeit einfach zurückzudrehen … wer hatte sich das nicht schon mal gewünscht, an dem einen oder anderen Punkt seines Lebens. Einfach etwas wieder ungeschehen zu machen. So viele Beispiele für Situationen, Erlebnisse und Taten, nach welchen so was wie die einzige Rettung schien, um überhaupt weiterleben zu können, so wie man es kannte, wenn nicht sogar so wie man es wollte. Aber es gab da einen Unterschied zwischen dem Wunsch etwas tun zu können, und der tatsächlich präsentierten Möglichkeit, und Kate konnte sich einfach nicht darüber klarwerden, was sie wollte. Was besser war. Erträglicher. Von all den immer noch offenen Fragen über das tatsächliche Funktionieren mal abgesehen, die ließen sich leichter ausblenden, wenn die einzig andere Alternative neben dem Versuch doch schlicht war, hier zu sterben, denn wer konnte schon die Sprengung einer Atombombe überleben…?
Aber sie wußte einfach nicht, ob sie in ein Leben zurückkehren wollte, in dem sie vor dem Gesetz auf der Flucht war, unentwegt, nie irgendwo zu Hause, nie sicher, nie etwas anderes als allein. Und selbst wenn Eloise recht haben sollte und sich tatsächlich nicht nur die Jahreszahl ändern, sondern mit ihr ganze Teile ihrer Vergangenheit, wenn sie vielleicht sogar ihren Vater nicht würde umgebracht haben, weil eine Explosion auf einer „Wunder“-Insel irgendwo am Ende der Welt im Jahre ihrer Geburt sogar zu bewirken vermochte, daß ihre Mutter sich nicht von ihrem eigentlichen Mann trennte … wer konnte ihr schon sagen, dann war sie überhaupt noch sie selbst … oder auch nur irgend jemand, den sie kannte?
*
„Wißt ihr was? Wir sollten es tun“, sagte Hurley irgendwann, obwohl sie nicht gekommen war. Er hatte so lange gewartet. All die Worte über das Wunder, das diese Insel war, die Besonderheiten, die sie ausmachte, so zu hören genossen, so lange suchend die Augen wandern lassen, bis sie anfangen wollten zu tränen. Trotzdem war Libby nicht gekommen. Auch Charlie nicht. Niemand, der nicht hier sein sollte. Dabei wäre es ein so cooler Beweis gewesen, wenn auch die anderen sie hätten sehen können. Wunderinseln. So was taten die. Und hätten sie Libby gesehen und ihre Worte gehört, dann würde jetzt vielleicht endlich mit dem Grübeln und Sorgen und Ungehaltensein und dem nicht wissen, was zu tun, Schluß sein, denn lange hielt er das so nicht mehr aus. Es war ja nicht so, als hätte er sich gewünscht, sie würden einander alle um die Hälse fallen, sich um seinen Rucksack versammeln und eine Runde Poker mit ihm spielen. Aber das hier war fast noch schlimmer als damals in den allerersten Tagen am Strand, als niemand den anderen gekannt hatte, als sie alle vollkommen verloren gewesen waren und nicht wußten wohin. Das hier war nicht, was er sich für jeden von ihnen wünschte. Schon gar nicht am möglicherweise letzten Tag ihres … Lebens. Also sagte er ihnen einfach, was Libby hätte sagen sollen.
„Sie hat gesagt, alles kommt in Ordnung, alles wird okay.“
Lächelte dabei, so wie sie gelächelt hatte, und hätte doch niemals damit gerechnet, daß Sawyer trotzdem so würde klingen können.
„Oh, Libby hat dir das gesagt, na klasse. Das rückt ja alles gleich wieder extra-gerade, oder?“
„Was meinst du?“
„Ich meine, daß das das blödeste war, was du jetzt hättest sagen können, denn wie sollen wir jetzt was anderes denken, als daß wir doch alle draufgehen?“
„Was?“
„Na verstehst du es denn nicht, verdammt noch mal? Natürlich sagt sie, alles wird okay, sie ist tot! Sie tanzt wahrscheinlich den ganzen Tag in Birkenstocksandalen um eine Harfe herum, natürlich ist sie glücklich!“
„Sawyer“, fuhr Jack warnend auf, und Kate sagte: „Ich denke nicht.“
Sawyer verdrehte die Augen.
„Na ja, schön, okay, Birkenstock war vielleicht etwas übertrieben, aber …“
„Nein, ich meine, ich denke nicht, daß wir die Bombe wirklich loslassen sollten.“
„Was?!“
So ein fassungslos-finsterer Blick. Sie sah trotzdem weiter hinein.
„Sawyer, das ist hier nicht so wie auf einer Straße statt nach links nach rechts abzubiegen. Hier geht es darum, alles zu verändern, was wir kennen.“
„Und du denkst, das weiß ich nicht? Ausgerechnet du?“
„Sawyer, hör schon auf.“
„Oh ja, klar, Doc, du solltest natürlich als aller erster ein Problem damit haben, plötzlich in eine Welt gespuckt zu werden, die vielleicht gar nicht weiß, daß du der Held aller Helden bist. Ist ja klar, daß du da nichts geändert habe willst.“
„Darum geht es nicht.“
„Worum geht es dann?“ fragte Sawyer und stand auf. Zwei Schritte nur, dann stand er vor Jack. Sah ihm dabei zu, wie er den Kopf hob und trotzdem sitzenblieb.
„Ich denke einfach, wir sollten nichts überstürzen.“
„Und ich denke, wir haben schon viel zu lange gewartet. Denkt ihr wirklich, es ist ein Zufall, daß wir ausgerechnet hier gelandet sind, praktisch zwei Stunden, ehe da in der verdammten Luke der verdammte Knopf eingebaut werden muß? Nein! Und selbst wenn, wen interessiert das? Wir sind hier! Wir können was machen. Endlich können wir tatsächlich mal was machen. Und wenn ihr zu feige seid, euch anzugucken, was danach sein könnte, wenn ihr bei eurem tollen Popstarsleben da drüben vergessen haben solltet, darüber nachzudenken, wie ihr sonst wieder zurückkommen könnt oder vielleicht sogar gar nicht zurückgehen wollt, dann bleibt doch hier! Versteckt euch irgendwo in irgendeiner Höhle so tief in der Erde drin, daß nicht einmal eine „Wunderbombe“ euch da noch findet. Bleibt hier und spielt Adam und Eva bis zum Ende aller Tage, aber ich mach da nicht mit. Ich nehm dem kleinen Geek die Bombe aus der Hand und werf sie selbst in das verdammte Loch, sobald er wieder da ist, wenn es das ist, was passieren muß, damit ich hier endlich wegkomme“, fuhr Sawyer Jack an und Kate auch, wandte sich ab und ging. Ging den ganzen Hügel hinunter.
„Und jetzt?“ fragte Hurley leise.
Die anderen sahen ihn nur an.
„Ich meine, heißt das wir stehen jetzt wieder ganz am Anfang? Keiner weiß irgendwas? Keiner weiß wohin?“
Keine Antwort.
„Jack?“
„Warum ich? Warum guckst du mich an?“
„Weil jemand eine Entscheidung fällen muß, Alter. Irgendeiner muß hier ein Machtwort sprechen.“
„Und wieso muß ich das sein?“
„Na ja“, sagte Hurley und zuckte mit den Schultern und war nicht mal der einzige, der seinen Blick nicht von ihm nahm. Alle sahen ihn an, Kate, Juliet, Jin, selbst Eloise. Die weiteste Wiese der Welt um sie alle herum, und er hätte sich nicht eingeengter fühlen können, wäre er in einer winzig kleinen Kammer eingesperrt. Fühlte sich, als würde er ersticken.
*
Als Locke Ben endlich einholte, war er vollkommen außer Atem. Niemals hätte er gedacht, Ben könnte so rennen und vor allem bei jedem Schritt aussehen, als wüßte er genau wohin. Aber das tat er nicht, rannte im Kreis. Rein in Dschungel und wieder heraus, über Steine, den Bach, unzählige Wurzeln, Hauptsache weg vom steinernen Fuß.
„Ben, warte, wo willst du denn hin?“
Er rannte weiter.
„Rede mit mir, bitte. Du mußt nicht … ich weiß, wie du dich fühlst, laß mich dir helfen“, rief Locke, statt all der Dinge, die er so viel lieber gerufen hätte.
Erzähl mir von Jacob.
Wer ist er.
Was will er.
Was macht er den ganzen Tag.
Wie lange ist er schon hier.
Was hat er mit dem gemeint, was er gesagt hat.
Was hast du gemeint mit allen, was du je gesagt hast …
Das ging nicht. Dafür war das nicht der richtige Moment, und Ben vertrat sich den Fuß, fuhr herum.
„Mir helfen? Das soll doch wohl ein Witz sein. Ausgerechnet du?“
„Ja. Ich. So schwer es auch für dich zu begreifen sein mag, wir haben eine Menge gemeinsam. Unsere Leben … wir beide waren immer so verzweifelt auf der Suche nach Anerkennung, nach einem Zeichen …“
„Oh bitte. Du hast doch nicht mal eine Ahnung, was Anerkennung bedeutet. Du kennst doch nur deine eigene Phantasieversion davon. Dein selbstzusammengesponnenes Märchen vom Glücklichsein und mit sich selbst im Reinen am angeblichen Ende aller Fragen und Zweifel. Nein, John Locke, wir beide haben nichts gemeinsam, außer unserer toten Mütter. Und was machst du überhaupt hier? Solltest du dich nicht in deinem neuen Zuhause gemütlich einrichten?“
„Was?“
„Komm schon. Ich weiß, genau das ist es, was du immer wolltest. Von deinem allerersten Tag hier, dem ersten Schritt, den du auf diesem Boden gegangen bist, wolltest du immer der König über allem sein. Glückwunsch. Sieht aus, als hätte sich dein Wunsch erfüllt. Aber laß mich dir eins sagen, ein Vergnügen, ein tatsächlich wahrgewordener Traum wird das auch für dich nicht werden, denn so ist das Leben einfach, das Schicksal, die Gnade einer außergewöhnlichen Bestimmung“, sagte Ben, so leise, so bitter, wandte sich ab und humpelte davon.
*
Sawyers Schuhspitze hatte ein Loch in den Boden gegraben. Vielleicht auch der Hacken. Dunkle Erde, grüne Grasfetzen. Fast sah es aus, als wollte er die Augen verdrehen, als er sie zwischen den Büschen hindurchtreten sah. Tat es nicht, guckte nur noch grimmiger. Guckte überall hin, wo sie nicht war. Auf dem Baumstamm neben ihm genug Platz für zwei. Also setzte sie sich zu ihm. Zog ein Bein an. Fragte sich, ob der Baum hier lag, weil die Dharmaleute ihn gefällt hatten, ihn brauchten, irgendeine Leiter, ein Gerüst, eine Vorrichtung aus ihm werden lassen wollten, oder vielleicht auch nur einen der Schränke für die Luke. Fragte es sich so lange, bis Sawyer neben ihr mit den Fingern an einem losen Faden an seinem T-Shirtsaum zu zupfen begann. Räusperte sich. Löste den Blick nicht von seinen Fingern. Sprach ganz, ganz leise.
„Also … was wirst du machen, wenn das Flugzeug sicher in L.A. gelandet ist?“
Er schnaubte. Fast sah es aus, als würde der Faden abreißen.
„Nein, ich meine das ganz ernst. Erzähl es mir. Bitte. Wenn das dein Phantasieleben werden könnte, alles, was du dir je gewünscht hast vielleicht sogar, wie würde das dann sein?“
Was sollte er da schon sagen?
Er wäre reich? Berühmt? Besitzer seines eigenen Südseehotels oder doch nur zum Abendessen bei seinen Eltern eingeladen?
Wie?
Es blieb nur ein Seufzen.
„Kate, das hier ist doch alles so was von verkorkst. Ich meine, ganz egal wie es am Ende wirklich laufen wird. Nichts wird sich ändern. Nicht auf lange Sicht gesehen. Wir sind wer wir sind. Ich meine, wo hat und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende schon mal je wirklich stattgefunden?“
Der Faden rutschte wieder und wieder zwischen seinen Fingern davon. Ließ sich nicht ausreißen. Verschwand erst vor seinen Augen, als sie ihre Hand auf seine legte.
*
Es ging alles so schnell. Ben hätte sogar schwören können, er war wieder der kleine Junge von damals. All die verbissen gequälten Jahre im selben Moment vollkommen irrelevant, denn seine Mutter tatsächlich noch mal wiederzusehen … es war wie ein wahrgewordener Traum. Kein Schmerz mehr da, kein Frust, kein Haß, keine Sehnsucht. Nur noch Tränen.
„Mom?“
Sie lächelte. Stand da zwischen den Büschen in ihrem weißen Kleid, als hätte sie es schon seit damals getan. Jeden Tag. Als hätte er, wenn er nur einmal in all der Zeit diesen einen Weg entlanggegangen wäre, sie immer wieder hier finden können. 32 Jahre lang …
„Wo willst du denn hin, Benjamin?“ fragte sie.
„Ich weiß es nicht“, sagte er und wollte und wollte und wollte nicht weinen.
„Oh Benjamin“, sagte sie und klang so sanft, doch ihre Augen wurden weit, der Blick darin ängstlich, ihre Stimme ein ersticktes Flüstern. „Benjamin, paß auf!“
Aber es war zu spät. Sayids Arm schon um seine Kehle gepreßt. Die Luft augenblicklich viel zu knapp.
„Wo ist sie?“
„Was?“
„Zeig sie mir.“
„Was denn?“
„Deine magische Zauberkiste.“
„Sayid, ich …“
Und dann ein Stich.
Sayid sah Ben nicht dabei zu, wie er zusammenbrach. Er sah auf das Blut, das an der Messerspitze funkelte, weil es dabei einfacher war, nicht nur zu denken und zu wissen, es war das Richtige, so mußte es sein, das war Gerechtigkeit, das hatte er verdient … sondern es auch bis ins Mark zu spüren.
Trotzdem wünschte er, der Boden würde sich auftun, ihn verschlucken, zerfleischen, verschwinden lassen, als Miles hinter ihm aufschrie.
„Was hast du gemacht?!“
„Er hat gelogen. Er hatte nie vor, irgend jemand anderem außer sich selbst zu helfen.“
„Woher willst du das wissen?“
„Weil ich es weiß. Für die Insel war es egal, ob wir wieder herkamen oder nicht, die braucht uns nicht. Nur er, er hat uns gebraucht, um zurückkommen zu können. Aber das kann er vergessen. Er kriegt seinen Traum nicht erfüllt“, sagte Sayid, so leise, so bitter. Kein Grund, hinzuzufügen, Ben hatte ihm etwas versprochen und es dann gebrochen, hatte in seinem ganzen Leben noch kein wahres Wort gesagt oder sogar, er hatte sie umgebracht. Nein. Er würde ihren wunderschönen Namen niemals in seiner Nähe erwähnen. Was getan war, war getan. Ben regte sich nicht mehr. Ganz gleich wie fassungslos Miles auch neben ihm kniete, ihn wieder aufzuwecken versuchte, so bleich war wie vielleicht niemals zuvor in seinem Leben.
Das Blut rann von seinem Hemd, fiel auf den Boden, sank in ihn ein. Sayid sah jeden einzelnen Tropfen. Bens Mutter kniete neben ihm und weinte, so nah, nur einen Hauch von Sayids Füssen entfernt. Doch sie konnte er nicht sehen.
*
Als Jin Daniel mit seinem Rucksack durch die Büsche treten und den Hügel hinaufkommen sah, hatte die Blume in seiner Hand nur noch sieben ihrer feinen Blütenblätter. Keine Kunst auszurechnen, worauf die Wahl am Ende fallen würde. Oder sollte er tatsächlich Schicksal sagen?
Er hatte nicht viele der Worte der weißhaarigen Frau verstanden. Hatte Hurley dabei zugesehen, wie er zwei Zahlen in die Erde malte, erst 1977, dann 2005, einen Kreis um jede von ihnen und rings um den ersten Kreis herum kleine Strichmännchen, die auf ihm herumtanzten, sogar kopfüber. Weit mit Händen und Armen ausgeholt hatte Hurley dabei und immer wieder: „Wir“ gesagt. Wir. Auf sich gezeigt, auf ihn, auf die ganze Welt um sie herum. Am Ende noch ein Flugzeug dazu samt Lächelgesicht, wie aus einem Trickfilm. Das war von der ersten Zahl zur zweiten geflogen, die sich im Sand so leicht wegwischen ließ und mit der 2004 ersetzen. Er hatte sich so viel Mühe gegeben, so gestrahlt als Jin am Ende sagte: Verstehe.
„Ja? Gut, und was sagst du dazu? Wo stehst du? Bombe oder nicht Bombe? Na ja, okay, ich weiß, du kannst nicht wirklich antworten. Ist schon gut, Alter.“
Nichts war gut, aber Hurley leicht genug zufriedenzustellen. Erwartete keine Entscheidung von ihm, drängte ihn nicht in die Ecke, forderte nicht, Stellung zu beziehen und das nur, weil sie nicht dieselbe Sprache teilten. Dabei hatte Jin das englische Wort für Bombe schon mit zwölf gekannt. Und monatelang unter so vielen von ihnen gewesen zu sein, ihnen ständig zuzuhören, zuzusehen, ihre Leben aus der Ferne mitzuerleben und zu teilen … er konnte nicht erklären wie, aber er verstand. Mehr als er hätte in Worte fassen können, verstand auch nicht in Worten, sondern irgendwo in sich drin. Den Klang der Stimme, die Angst, die Zweifel, die Konflikte. Er wußte, Rousseau so jung und schön mit ihren Kameraden im Dschungel getroffen zu haben, war genau so wenig ein Traum gewesen wie der Angriff des Rauchmonsters, der ausgerissene Arm und der unter seinen Füßen explodierende Frachter. Er wußte, es gab nicht nur gut und böse auf der Welt. Er wußte, er hatte mehr als einen Schutzengel. Aber was er nicht wußte, war wie er ihnen begreiflich machen sollte, daß er nicht zurückwollte. Nicht ins Flugzeug, nicht nach L.A., nicht mal nach Seoul, nicht als das Paar, das sie damals gewesen waren. Sun und er. So viel weiter voneinander entfernt als selbst in diesem Moment.
Die Blütenblätter fielen weiter zu Boden.
Wir schaffen es trotzdem, auch ohne die Insel, Sun und ich.
Wir schaffen es nicht.
Wir schaffen es trotzdem …
Wir schaffen es nicht …
*
„Danke, Richard“, sagte Eloise und nahm ihm die Wasserflasche aus der Hand, die dieselbe von damals war, so wie alles zum Damals werden wollte, wenn er neben ihr stand, sie ansah, etwas sagte.
„Alles wird gut, Ellie.“
Sogar das hatte er damals gesagt, als sie ihm gestanden hatte, sie müsse gehen, könne nicht bleiben, und sie in seinen Augen genau gesehen hatte, daß er das weder guthieß noch richtig fand. Er hatte sie trotzdem gehen lassen. Seine Gruppe ohne Anführer. Sie wußte, das sollte nicht so sein. Das war nicht okay. Das war nicht was man tat, wenn man eine Aufgabe übernommen hatte. Aber wie war das mit dem Wissen und dem Fühlen? Sie war auch nur ein Mensch. Schwanger noch dazu und hatte tatsächlich noch als sie ins U-Boot stieg geglaubt, sie würde Charles an den Steg kommen sehen. Laufen, Winken, Rufen, vor ihr auf die Knie fallen, ihr versprechen, er würde niemals, niemals wieder etwas anderes in der Insel sehen als den einzigen Ort auf der Welt, den zu zerstören auch alle anderen nach und nach vernichten würde. Ihr versprechen, er würde nie wieder eine Nacht nicht bei ihr verbringen. Ihr in die Augen sehen und sie in seinen ganz deutlich erkennen lassen, sein Schicksal lag gar nicht auf der Insel. Er war der, den sie mit hierhergebracht hatte, nicht umgekehrt. Sie war nicht die, die tatsächlich dreist genug war, zu versuchen, sich der Bestimmung zu widersetzen …
„Alles, was er hätte sagen müssen, war es tut ihm leid. Nur einmal, weißt du? Aber natürlich weißt du das. Du kanntest mich schon immer am besten. Und du wußtest auch immer, was das Beste zu tun ist. Dich nicht einzumischen. Ganz gleich, wer auch kam und was er hier tat.“
„Es gibt einen Unterschied dazwischen, sich nicht einzumischen und darauf zu vertrauen, daß der andere seine Probleme allein lösen können wird, vor allem mit Hilfe der Insel, unter ihrem Einfluß.“
„Und wie hast du gelernt, wie man diesen Unterschied erkennt?“
Da lächelte er. Ein bißchen.
„Ich hatte genug Zeit dazu.“
Sah ihren Fingern dabei zu, wie sie am Flaschenhals zitterten. Hörte die Worte so deutlich, auch wenn sie sie nicht sagte.
„Meine Zeit hat nicht gereicht, fürchte ich.“
Mußte selbst wieder etwas sagen, ihr die Flasche abnehmen, sich wünschen, er müßte das weiße Haar nicht sehen.
„Also … was wird passieren, wenn dein Sohn tatsächlich tut was er tun will und Erfolg damit hat.“
„Das weiß ich nicht genau. Aber … ich nehme an, hier wird alles ein wenig anders aussehen. Nur wirst du das nicht bemerken, weil du es noch nicht anders gesehen hast. Die Schwanstation mit dem Computer darin, das Segelboot, das mit Desmond vor der Küste strandet, Juliet, die so eindringlich versuchen wird, das Problem unserer Frauen zu lösen, nachdem sie durch den Zwischenfall keine Kinder mehr bekommen können, das Flugzeug der Oceanic, das eines Tages einfach aus dem Himmel herunterfällt … all das sollte dann nicht mehr nötig sein müssen, im Versuch, die Balance wiederherzustellen, weil sie nicht verlorengegangen sein wird. Es sei denn …“
„Das Universum will es doch so haben?“
„Niemand kann wissen, was es will oder warum. Und selbst wenn wir es versuchen … wir sind beide so klein, Richard. Wir alle hier“, sagte sie und ließ den Blick doch den Hügel hinunter und bis ins Dharma-Dorf hineinwandern. So kleine Häuser, so strahlend gelb, so fröhlich. So anders als ihr Lager im Dschungel, auf den Wiesen, am Bach …
Daß die Dharma-Initiative so oder so wieder von der Insel verschwinden würde, wußte sie, weil es das war, was immer geschah, früher oder später, auf die eine oder andere Weise, wenn jemand nicht hierhergehörte, hier nichts zu suchen hatte, nicht hergebeten war, sich nicht an die hier geltenden Regeln hielt von denen die allererste und wichtigste lautete, nichts zu verändern. Nur nicht, ob das Mädchen, die Frau, die Fremde in diesem Moment vielleicht gerade in einem dieser Häuser saß und an Charles dachte …
Richards Stimme so leise.
„Also … wo bist du, im Jahr 2004?“
Sah in eine andere Richtung. Drehte die Flasche zwischen seinen Händen.
„Mach dir keine Sorgen, Richard, wir werden den Kontakt niemals verlieren.“
„Na ja, also in den letzten acht Monaten …“
„Ich weiß, ich weiß. Es tut mir leid, aber ich … ich brauchte damals eine Weile um … meinen Platz zu finden, da draußen.“
„Hast du es?“
Stille.
Nicht mal die Stimmen all der anderen drangen da durch. Dabei waren sie gar nicht so weit weg, nur ein paar Schritte, eine Anhöhe, eine Erinnerung.
„Es wird nicht für immer sein, Richard.“
Und alles, was er nicht wollte, war seufzen. Sie fragen: „Dann kommst du also nicht zurück … ich meine vor 2004 … oder danach …?“ nur um sie dann sagen zu hören: Nicht, wenn alles so bliebt, wie es war.
*
Natürlich fragte niemand nach Ben, als kurz nach Daniel auch Miles und Sayid ins Lager zurückkamen. Sayid mußte ihm nicht extra sagen, sollte jemand skeptisch werden, gäbe es eine einfache Erklärung: Ben war nicht mehr hier bei ihnen, weil er die Insel auch nicht wieder verlassen wollte. Niemand würde das nicht verstehen. Niemand würde ihn vermissen oder sich um ihn sorgen. Trotzdem konnte Miles sich nicht einfach hinstellen und der weinenden Mutter sagen, sie sollte sich keine Sorgen machen, denn wenn Daniels Plan funktionierte, würde ihr Sohn immerhin einfach wieder am Leben sein. Nicht unbedingt hier, sondern vielleicht am vollkommen anderen Ende der Welt, aber das wäre dann ja auch egal, wenn er nur überhaupt wieder da war …
Oder?
*
Er hatte sich nicht weggeschlichen. Er war ganz normal gegangen. Daniel hatte gesagt, ihnen bliebe noch eine Stunde, bis sie los mußten, und alle anderen waren allein dadurch abgelenkt genug gewesen, nicht zu bemerken, daß er aufstand und ging. Natürlich hätte er sich denken sollen, daß Kate zumindest schnell genug sein Verschwinden bemerkte und seiner Spur folgte, aber mit Sawyer hätte er tatsächlich niemals gerechnet. Trotzdem war er da, stand am Eingang der Höhle, ließ seine Augen über die Steinwände wandern und grinste.
„Ich hab mich schon immer gefragt, was der Held wohl in den letzten fünf Minuten so tut, bevor die Welt zu Grunde geht. Als Kind schon. Ernsthaft. Daß er sich in einer Höhle verkriecht, darauf wäre ich allerdings nie gekommen.“
„Ich will mich nicht … ich wollte noch mal nach meinem Vater suchen“, sagte Jack und konnte nicht fassen, wie verlegen er sich dabei fühlte. „Ich meine, ich weiß, ich hab schon damals, als wir hier ankamen, alles abgesucht, nicht nur die Höhle hier, wo der Sarg ist, aber … ich dachte wirklich, diesmal wäre es vielleicht anders.“ Ob er das nun „Wunder“ nennen wollte oder nur allerletzte Hoffung. Das war egal. Der Drang, ihn zu finden, ihn tatsächlich beerdigen zu können und endlich, endlich damit abzuschließen, zu gewaltig, es nicht wenigstens nochmal zu versuchen. Fünf Minuten vor dem Ende … und Sawyer sah aus, als hätte er ein Gespenst gesehen. Sah ihn nicht mehr an, nicht den zerstörten Sarg oder die Behausungsreste überall am Boden, sondern die beiden Skelette in der kleinen Gruft zwischen den Felsen.
„Wie zum Teufel ist das passiert?“
Löste sich von seinem Fleck, ging auf sie zu, streckte die Hand aus und wagte doch nicht, sie zu berühren. „Wie sind die so schnell so geworden?“
„Was meinst du?“
„Ich meine, es ist noch keine drei Wochen her.“
„Was?“
„Na ja, seit wir … seit wir sie hergebracht haben.“
„Hergebracht … was meinst du damit?“
„Na ja, wir konnten sie wohl kaum da draußen lassen, oder?“
„Da draußen lassen … Sawyer, von wem sprichst du?“
„Charlie und Claire“, sagte er, und da begannen sie sich zu drehen, die dunklen Höhlenwände. Rings und Jack herum. Ließen Sawyer ferner klingen und doch nicht fern genug, es Traum zu nennen, Illusion.
„Sie starb als … als die Bastarde vom Frachter die Dharmahäuser angriffen. Ich dachte erst, ich hätte es noch geschafft und sie rausgeholt, ich meine, ich hatte sie in meinen Armen. Ich hätte schwören können, daß sie es war, aber … am Ende lag sie noch da unter den Trümmern und Miles und ich, wir … wir wollten sie … wir wollten sie nicht einfach dalassen, verstehst du? Und Charlie … in einem der Zeitblitze, ganz am Anfang, da fanden wir ihn plötzlich am Strand und … und wir hatten einfach gedacht, hier wären sie wenigstens beide sicher.“
Und zusammen.
Aber das sagte er nicht. Wandte den Blick von den beiden Gestalten, die aussahen, als wären seit dem mehr als fünfzig Jahre vergangen
„Scheint, auf einer zeitreisenden Insel funktioniert alles anders. Wahrscheinlich sind sie trotzdem mit zurück gereist.“
„Ja, aber …“, sagte Jack und schluckte. „Wie kann das sein. Ich … ich hab sie doch schon damals gesehen, genau so, hier.“
„Wann damals?“
„Ganz am Anfang, als wir die Höhle hier fanden. Im September 2004. Da lagen sie schon hier. Genau so. Locke nannte sie unsere höchsteigenen Adam und Eva.“
„Na klasse, dann nehme ich an, das bedeutet, die verdammte Bombe wird überhaupt nichts anderes machen, als uns alle genau so zum Teufel zu jagen …“
„Ja…“, murmelte Jack, als Sawyer sich schon frustriert abwandte, und konnte den Blick nicht von den ineinander verschränkten Händen lösen, in denen das kleine Beutelchen mit den beiden Steinen fehlte.
*
Am liebsten wäre Jack gleich zu Eloise gegangen. Nur zu ihr, genaugenommen, aber ins Lager zurückzukommen und Kate dasitzen zu sehen … er wußte, sie konnte es an seinem Gesicht ablesen. Dafür reichte ein Blick. Sie sah ihn an und wußte, da war etwas passiert. Vielleicht dachte sie sogar sofort an Claire. Vielleicht gab es wirklich Menschen, die einander ohne Worte verstanden.
„Claire … sie ist tot“, hörte Sawyer Jack sagen und Hurley so geschockt, so bestürzt, so verzweifelt auffahren.
„Was?“
Kate schluckte nur. Sah kleiner aus als vorher. Schmaler. Einsamer. Sah aus, als müßte jemand zu ihr gehen und sie in die Arme nehmen, aber … er war nun mal nicht der Typ dafür. Er ging nicht, und … er tat nicht so als … er machte sowas nicht, basta. Außerdem stand Jack viel näher bei ihr. Ja, Jack war perfekt dafür. Er war der Typ Mann, der ein Mädchen vor so vielen Blicken in die Arme nahm und es tröstete, auch wenn es nicht weinte, der ihm ins Ohr flüsterte, es wäre alles okay, alles gut, gut, gut, sie würde schon sehen, irgendwann …
Aber Jack hatte sich schon wieder abgewandt.
„Wo ist Eloise?“
„Da hinten bei Richard“, sagte Juliet.
*
„Ich würde gern mal mit Ihnen reden. Allein“, sagte Jack zu Eloise, und Richard blieb so lange neben ihr stehen ohne sich zu regen, bis sie ihn ansah und nickte. Ging selbst dann nicht weit weg, setzte sich knapp außer Hörweite ins Gras, zog die Knie an und sah ins Tal hinunter.
Eloise lächelte.
„Keine Sorge, was auch immer er hören sollte, er würde es nie weitersagen.“
„Das ist mir egal, alles was ich wissen will ist, was haben Sie uns verschwiegen?“
„Wie bitte?“
„Über diese ganze Geschichte. Die veränderte Zeit, die veränderten Leben, dieses Ursache-Wirkung-Prinzip, das einzig von uns abhängt und der Frage, ob wir die Energie mit der Bombe negieren oder nicht, denn ich hab das Gefühl, das war so nicht alles wahr.“
„Wahr? Jack, du solltest doch am besten wissen, daß Wahrheit eines der subjektivsten Phänomene überhaupt ist.“
„Eloise, bitte, hören Sie auf damit. Sie haben uns hierher gebracht. Sie wußten, wo und wann wir landen würden. Sie wußten, genau das hier würde auf uns zukommen, und ich möchte wissen woher.“
„Warum interessiert dich das? Das hat auf nichts einen Einfluß.“
„Sagen Sie es mir.“
„Jack …“
„Ich WILL es wissen!“
Richard drehte den Kopf.
Eloise stand ganz still. Blinzelte nicht mal. Klang keinen Hauch leiser, schon gar nicht eingeschüchtert.
„Das hier … all das … ihr hier alle auf der Insel mit dem Flugzeug im Jahr 2004 und dann so kurze Zeit vor dem Zwischenfall 1977 … das alles ist schon viele, viele Male passiert. Ihr kommt her, ihr geht fort, ihr kommt zurück, alles fängt wieder von vorne an. Ein Kreislauf. Ein Endlosband. Eine Schleife in der Zeit.“
„Wie … wie ist so was möglich?“
„Alles ist möglich.“
„Das stimmt nicht.“
„Doch, Jack. Nur weil du etwas nicht kennst, bedeutet das nicht, es würde nicht existieren oder wäre unmöglich. Alles, was es auf der Welt gibt, war zuerst eine Idee, ein Gedanke, und aus dem formten sich Bilder, aus den Bildern am Ende Wirklichkeit. Ob das nun ein Tisch war, ein Stuhl oder ein Flugzeug. Die Idee ist immer zuerst da. Früher sagte man, wenn man etwas träumen kann, dann kann man es auch tun. Und das ist kein Märchen, kein Spruch, kein Sarkasmus, das ist wirklich, wirklich wahr. Aber wenn man das nicht weiß, wenn man nicht an etwas glaubt, dann ist das so, wie ein Glas Wein ins Meer zu schütten. Es löst sich auf, verliert sich in ihm.“
„Das soll ein Scherz sein, oder? Sie wollen mir hier nicht wirklich sagen, wenn wir nur alle schön brav sind und ganz fest daran glauben, daß alles gut wird, dann …“
„Was ich sagen will, ist daß diese Insel nicht nur Menschen auf sich zieht, in dem Versuch, den einen besonderen unter ihnen zu finden, der sie in gefährlichen Momenten wie diesem beschützen kann. Sie gibt auch ihnen etwas dafür. Eine zweite Chance. Und die braucht jeder, irgendwann in seinem Leben auf die ein oder andere Weise. Manche finden Sicherheit und sogar Erlösung von ihrer inneren Qual in alltäglichen Dingen, ihrer Arbeit, ihren Freunden, einem richtig guten Buch oder in ihrem eigenen Kopf. Sie kommen klar. Sie rappeln sich wieder auf. Die Leute nennen das dann so hübsch, da wäre jemand ein Überlebenskünstler. Aber andere … andere brauchen da eine etwas andere Kulisse.“
„Was denn, dann ist das alles hier jetzt nur noch eine Kulisse? Ein Spiel?“
„Es ist genau das, was du es sein lassen willst, Jack“, sagte Eloise und sah ihm dabei zu wie er schnaubte und den Kopf schüttelte und so spöttisch, zu hitzig, so außer sich aussah.
„Darum ist die eigentliche Frage nur eine: Was willst du, Jack? Was willst du wirklich?“
„Ich will, daß alle sicher sind, alle gerettet werden, alle überleben.“
„Nein, das tust du nicht.“
„Doch, das tu ich.“
Wie seine Hände, in die Hüften gestemmt, sich zu Fäusten ballten. Wie weiß die Knöchel schimmerten.
„Warum können wir uns nicht erinnern?“
Seine Stimme so voller unterdrückter Wut.
„Wenn das alles hier schon so oft passiert ist, zigmal, tausendmal sogar, warum weiß keiner von uns auch nur irgendwas davon?“
„Weil du dich nicht an etwas erinnern kannst, daß noch vor dir liegt, und für euch beginnt es immer wieder … ganz am Anfang.“
„Aber wie soll das gehen, wenn wir ins Jahr 2004 zurückkehren … wenn wir nicht abstürzen und gar nicht erst hier landen können …“, fragte er und begriff noch ehe all die Worte über seine Lippen gefallen waren. „Wir tun es nicht … wir kommen gar nicht zurück. Wir bleiben alle hier oder … sterben …“
Denn es war ja ganz … logisch, wenn man dieses Wort für diesen Zusammenhang überhaupt mißbrauchen durfte. Es WAR erklärbar. Wenn dies das Jahr 1977 war, dann gab es nicht nur sie in ihm, es gab auch ihre Kindversion. Sie waren schon auf der Welt. Taten, was auch immer sie als Kinder jeden Tag getan hatten und wußten noch nicht mal, daß sie eines Tages irgendein Weg nach Australien führen würde. Die Jahre würden weitergehen. Und sobald sie dann 27 Jahre später im Flieger saßen, aus Sydney abhoben und den langen, langen Weg über das Meer begannen und „zufällig“ wieder über dieser Insel landeten …
Ein Kreislauf in der Tat. Und wenn er endete, wenn Daniel tatsächlich recht hatte und das, was er tun wollte, den Kreislauf zerstörte, die Leben ihrer Kindversionen da draußen von genau diesem Tag an beeinflußte, so daß sie eine andere Wende nahmen, daß niemand von ihnen vielleicht auch nur nach Australien flog, der Insel nie auch nur auf irgend eine Weise zu nahe kam …
Aber was, wenn die Bombe in das Bohrloch zu werfen genau das war, was die Zeitschleife überhaupt erst ausgelöst hatte?
Ihm blieb nur eine einzige Frage.
„Also was haben wir sonst immer getan? An genau diesem Punkt hier. Haben wir die Bombe gezündet oder nicht?“
„Das kann ich dir nicht sagen, Jack.“
„Ich will es aber hören.“
„Alles, was ich dir sagen kann, ist daß diesmal schon etwas anders ist.“
„Aber nicht, was es ist.“
„Nein.“
Da lachte er, so unamüsiert, so haltlos, schüttelte den Kopf, kam so nah an sie heran, daß Richard dachte, sie müßte zurücktreten.
„Ich versteh euch nicht. Euch alle. Ich versteh euch einfach nicht. Diese verdammte Geheimniskrämerei. Macht euch das Spaß? Das ganze Zeug zu wissen und einfach nichts zu sagen, nur weil ihr denkt, das ist alles ein Spiel?“
„Nichts ist Spiel.“
„Wie auch immer, ich hab genug. Ich mach da nicht mehr mit“, sagte er und wandte sich ab. Einfach ab von ihr.
Sie blieb stehen wo sie war. Rief nicht mal.
„Du kannst nicht einfach gehen. Du weißt genau, daß du aus einem ganz bestimmten Grund hier bist. Daß du derjenige bist, der die Entscheidung treffen muß.“
„Ich muß gar nichts.“ Denn wie sollte er das tun? Dazwischen entscheiden, ob zu verhindern, daß der Knopf in die Luke gebaut werden mußte, um ihr Flugzeug davor zu bewahren, an jenem Septembertag nicht vom Kurs abzukommen, richtiger war, als die sehr viel wahrscheinlichere Annahme, daß es vielleicht sogar erst die Bombe selbst gewesen sein mochte, die den sogenannten „Zwischenfall“ auslöste … denn wer konnte das schon sicher sagen? Daniel? Er war auch nur ein Mann. Physiker hin oder her, auch er wußte sehr wohl, daß alle je aufgestellten Gleichungen nie in etwas anderem als Experimenten ihren Anfang nahmen. Atombombe und Massenmord waren praktisch dasselbe Wort. Das wußte jedes Kind. Und wer sagte überhaupt, nichts zu tun, weder das eine noch das andere, wäre nicht sogar die einzige Lösung, aus dieser lächerlichen Zeitschleife herauszukommen?
Nun, Eloise. Die sagte es. Wenn auch mit vollkommen anderen Worten, als er je von ihr zu hören erwartet hätte.
„Weißt du, was dein Vater gedacht hat in dem letzten Moment, bevor er starb?“
Wie hätte er da nicht stehenbleiben sollen. Sich fühlen, als wäre der Boden unter ihm verschwunden. Die gesamte Insel nichts als eine Seifenblase.
„Was?“
Kaum war seine eigene Stimme noch zu hören.
„Woher wissen Sie …“
„Ich tue es einfach. Ich weiß Dinge. Schon immer. Über die Welt, die Menschen in ihr, dich. Ich weiß, daß …“
„Nicht … kein Wort … nein …“
„… er dachte, wenn ich nur …“
Das Schlucken ein Schmerz nicht nur in der Kehle. Der Wunsch, es einfach nicht zu fragen. „Wenn ich nur was?“
Der Wunsch, da hätte wenigstens Genugtuung in ihrem Blick schimmern können, als er sie wieder ansah, damit er sie hassen könnte, ihr alle Schuld geben, so kindisch das auch war.
„Was denkst du wohl?“ fragte sie, so sanft. „Es gibt so viele Entscheidungen, die ein Mensch in seinem Leben zu treffen hat. Und wie oft denkt man hinterher, wenn ich nur etwas anderes getan hätte. Wie oft, Jack? Dein Vater war auch nicht anders, als alle anderen Menschen, als du. Voller Zweifel.“
„Aber wie können Sie …“
„Das ist das vielleicht einzige, das wirklich alle Menschen gemeinsam haben. Diese leidigen quälenden nie verstummenden Zweifel.“
„Okay. Okay, ja, das versteh ich, das ist mir klar, alle machen Fehler, alle zweifeln, alle wünschen sich irgendwann mal was anderes gemacht zu haben, und es gibt nun mal keine andere Möglichkeit, rauszufinden, wie irgendwas ist oder was passiert, als es zu versuchen, ich hab’s kapiert, aber das hier … das ist nicht so wie sich dafür entscheiden ob man Arzt oder Pilot wird. Sie sagen mir, ich soll eine Atombombe detonieren, die uns alle auf einen Schlag umbringen kann und die ganze Insel zerfetzen oder vielleicht, vielleicht auch nicht …“
„Ich sage dir, daß du tun sollst, was du für das richtige hältst und auf niemand anderen hören. Niemanden.“
„Und wenn ich das tue, würde das dann nicht bedeuten, ich hätte auf Sie gehört?“
Da schmunzelte sie. Ganz kurz.
„Du mußt immer das letzte Wort haben, oder?“
War im nächsten Moment so nah vor ihm, daß er zuckte und doch keinen Schritt zu tun vermochte. Ihre Stimme so leise.
„Du mußt niemandem etwas beweisen, Jack. Alles, was du tun mußt ist …“
„Was, das Richtige?“ versuchte er zu spotten, weil nichts anderes mehr blieb.
Eloise seufzte.
„Ich weiß, daß du weißt, was zu tun ist, Jack. Ich weiß es.“
Berührte ihn, seine Hand. Kein Schlag, kein Stich, kein Zauber, ein kleiner schwarzer Lederbeutel blieb zurück. Lag zwischen seinen Fingern, und er konnte den Blick nicht mehr davon lösen, nicht begreifen, nicht mal hineingucken, weil er wußte, was er darin finden würde.
„Eloise …“
Sie war schon ganze Schritte weit weg. Zu sehen nur ihr Rücken.
„Eloise … Sie wissen, was ich tun werde. Sie wissen es … oder?“
Aber sie antwortete nicht, ging weiter. Richard stand auf, ging mit. Jack blieb allein zurück.
**
„Vielleicht hättest du ihm nicht alles erzählen sollen“, sagte Richard.
„Es tut nichts mehr zur Sache“, sagte Eloise.
„Was wird jetzt passieren?“
„Ich weiß es nicht. Zum aller ersten Mal in einer sehr sehr langen Zeit, weiß ich nicht, was als nächstes geschehen wird.“
Denn das hier war so noch nie passiert. Sie in dieser Zeit nie mit hier gewesen. Sie hatte immer nur ein Auge auf alles gehabt, beobachtet, bewacht, in die richtige Richtung gelenkt, wenn jemand aus der Reihe zu tanzen versuchte. Hier oder da. Desmond zum Beispiel, der eines Tages aus heiterem Himmel den Ring hatte doch kaufen wollen. Und vielleicht war sogar er tatsächlich Schuld, und sie hatte ihre Entscheidung, diesmal mit hierher zu kommen, an genau dem Tag getroffen, als sie Penny so verzweifelt im Krankenhaus gesehen hatte, nachdem Ben Desmond am Yachthafen aufgelauert und angeschossen hatte.
So wenige Tage erst her.
Penny im Krankenhaus zu sehen eine pure Qual, denn ihrem Vater sah sie nicht ähnlich, und was konnte das anderes bedeuten, als daß ihre Mutter damals ihr Ebenbild gewesen sein mußte? Hier, jetzt, gleich da unten in den kleinen fröhlich-gelben Häusern…
Sie hatte Penny nicht sagen können, Desmond würde wieder vollkommen gesund, hatte nicht von dem kleinen Jungen erzählen können, den sie eines Tages bekommen würden, selbst wenn sie in dem Moment noch sicher gewesen war, diese Zukunft würden sie ohnehin nie erreichen, weil sie außerhalb der Schleife lag. Sie hätte nicht mal sagen können, warum Pennys Tränen sie so sehr berührten, aber … vielleicht kämpfte sie auch schon zu lange den immer selben Kampf.
Vielleicht bedeutete eine Zeitschleife, in der Charles seinen Weg zur Insel zurück zwar fand, aber doch nicht ankam, weil zu nah an ihrem Ende, daß irgendwann zumindest die eigene Kraft aufgebraucht war.
Vielleicht bedeutete alles zu wissen und zwischen die Welten und Barrieren blicken zu können, man wurde älter, selbst wenn keine Zeit verging.
Ihre eigene Großmutter hatte damals in den letzten Wochen auf dem Jahrmarkt so oft ihre Geduld verloren und doch nur den Kopf geschüttelt, statt ihr die Hölle heißzumachen, jedes Mal, wenn sie sich weigerte zu tun, was sie sie tun sehen wollte. Verlorenen Seelen die Zukunft vorhersagen. Als Kind schon, weil das eine besondere Attraktion war. Weil das besonders in all die eindrang, die so verzweifelt Antworten für die Probleme ihres täglichen Lebens in einer Kristallkugel auf einem Klapptisch zwischen Karussells und Lebkuchenherzbuden suchten. Weil Kinder niemals, niemals logen …
Etwas Besonderes zu sein ganz gewiß nicht nur manchmal allein für Außenstehende erstrebenswert.
Und vielleicht bedeutete sich selbst gegen das Universum gestellt zu haben, genau das hier war ihre Strafe. Dieser Moment. Hier, zurück auf dieser Insel, die sie mehr liebte als sie zu sagen vermochte. Diese Gewißheit, einen Schritt zu weit gegangen zu sein und nun selbst nichts mehr tun zu können. Zum ersten Mal seit so vielen 27 Jahren tatsächlich ahnungslos zu sein, bangen zu müssen so wie alle anderen, genau so hin und hergerissen zu sein wie sie, genau so frustriert, verwirrt, hilflos … nur so viel schlimmer, weil es am Ende, ganz gleich wie es lief, einzig und allein ihre Schuld sein würde.
Natürlich war es einfach, auch dafür Charles die Schuld zu geben. Er wußte, wie man Dinge sagte, damit sie eindrangen, nachvollziehbar klangen, tatsächlich so als wären sie wahr.
„Dir hat aber schon mal jemand gesagt, daß man tatsächlich auch seine Meinung ändern können soll, wenn man denn mehr von der Welt gesehen hat, mehr gelernt und begriffen, oder? Das ist es, was es bedeutet, alt und weise zu werden. Man ändert seine Meinung einfach, und das Leben geht trotzdem weiter.“
Blieb nur zu hoffen, zu flehen, zu beten, daß Daniel seinem Vater unähnlich genug war, daß er tatsächlich wußte, wovon er sprach und recht hatte. Daß es tatsächlich funktionierte. Daß sein Plan war, was alles änderte und trotzdem nichts zerstörte. Seine Bombe brach die Zeitschleife auf … der Computer in der Luke errechnete nichts anderes mehr als alle anderen Computer auf der Welt … wurde nicht von John Locke zerstört, weil der nie hierher fand … die Explosion der Luke Charles auf einem seiner Überwachungsstationen kein Zeichen über den Standpunkt der Insel vermitteln konnte … er nie den Frachter schickte … ihm nie zu folgen versuchen … nie wieder hierherkam …
Es konnte … konnte möglich sein.
Es konnte in diesem Moment tatsächlich zum ersten Mal ohne verbogene Zeit und ohne all jene, die jedes Mal wieder ahnungslos im Strudel dieser Geschichte mit in den Tod gerissen wurden, möglich sein, daß Charles die Insel nie wieder fand, nie wieder betrat, nie wieder als sein Eigen betrachte und dabei vergaß, er war auch nur ein Mensch … wenn sie denn selbst all ihren Impulsen widersprach und tatsächlich einmal tat, was Daniel ihr so verbittert vorgeworfen hatte: Danebenstehen und zusehen, wenn er die Bombe, die Atombombe in den Krater warf …
*
„Wieviel Zeit ist noch?“ fragte Miles.
„In zehn Minuten geh ich los“, sagte Daniel und lächelte ihn an, klopfte ihm auf die Schulter, tat, als meinte er mal schnell rüber in den Supermarkt oder zur Tankstelle.
„Und was tun wir?“ fragte Hurley.
„Ihr … na ja, ihr bleibt hier, setzt euch zusammen, macht die Augen zu und stellt euch schon mal euer tolles Leben zurück zu Hause vor.“
Sawyer schnaubte, schüttelte den Kopf, sah sich nach Jack um, und sah doch nur Eloise den Hügel hinaufkommen.
„Daniel, ein Wort?“
Sie hielt nicht inne, ging an ihm vorbei, ließ ihm keine Möglichkeit, nein zu sagen.
„Also weißt du, ich fürchte das ist gerade der schlechteste Moment überhaupt, denn ich bin so gut wie …“
„Ich weiß“, sagte sie hastig und blieb stehen, drehte sich zu ihm um, sah ihn an, sah die anderen oben auf dem Hügel nur noch als Schemen hinter ihm. „Daniel, ich wollte dich nur wissen lassen … ich wollte nie, daß … das alles hier … wir … du und ich … ich wollte, daß du glücklich bist, immer, aber du weißt, daß …“
„Ist schon gut, Mutter.“
„Wirklich?“
„Ja, denn das tut nichts mehr zur Sache. Es wird sich sowieso alles ändern. Wer weiß, vielleicht verstehen wir uns ja dann sogar. Vielleicht hast du dann irgendwann mal was anderes zu mir zu sagen als wie selbstlos man zu sein hat, wie sehr man seine eigenen Bedürfnisse zurückstellen muß, wie sehr sich für eine größere Sache aufgeben …“
„Daniel …“
„Wieso nicht? Du bist doch diejenige, die immer so gern von Wundern redet. Könnte doch sein. Und vielleicht wird ja alles sogar so toll und märchenhaft, daß du mir dann sogar verrätst, wer mein Vater ist …“, sagte Daniel und klang so bitter und spöttisch dabei, daß sie nichts anderes wollte, als ihre Hand ausstrecken und seine nehmen. Aber ihre Finger steckten fest. Zitterten, doch das spürte nur sie. Das Herzklopfen. Die Luft, die sich nicht mehr finden lassen wollte. Die Tränen in den Augen.
„Es tut mir so leid, Daniel …“, sagte sie leise und schoß.
Schoß ihm ins Bein. Hörte das Entsetzen oben auf dem Hügel, hörte ihn ins Gras fallen, hörte sein eigenes Herz klopfen. Sah ihm trotzdem in die Augen und nicht wieder weg.
„Ellie!“ rief Richard und war im nächsten Moment schon bei ihr, bei ihm. „Warum hast du das gemacht?“ So verwirrt, so hastig versucht, zu helfen. Jack und Juliet folgten. Drängten ihn weg. Jacks Blick sah sie nicht, der reichte gefühlt.
„Ist das das, was passieren soll!?“
Unmöglich zu sagen, ob er es wirklich sagte oder nur in ihrem Kopf.
„Ist nur ein Streifschuß, Gott sei Dank“, sagte Juliet. „Das hätte auch ganz anders ausgehen können.“
Richards Blick so andauernd.
Sie sah nicht hin.
Daniel wand sich am Boden.
„Ich muß los, ich muß, die Bombe …“
„Du gehst nirgendwohin.“
„Doch, Juliet, du verstehst nicht…“
„Ich versteh sehr wohl. Jack, geh du.“
„Was?“
„Ich mach das hier schon. Geh, bring es zu Ende.“
„Aber …“
„Na los, es bleibt keine Zeit“, sagte sie, denn was sonst gab es da noch? Jetzt wo Eloise alles so wunderbar erklärt hat, sieht es sowieso nicht aus, als würden wir unser zweites Date noch brauchen…?
*
Seine Hände zitterten. Brauchten zwei Anläufe, den Reißverschluß des Rucksacks zuzuziehen. Zitterten so sehr, daß er glaubte, ihn niemals hochheben und auf seinen Rücken schnallen zu können.
„Jack …“
Kate sah aus wie am allerersten Tag, dort am Strand hinter den Büschen, wo er gehockt hatte und versucht, den Faden in die Nadel zu fädeln, obwohl er genau wußte, er würde die Wunde auf seiner Schulter allein niemals erreichen. Damals hatten seine Finger genau so gezittert. Damals hatte er genau so augenblicklich lächeln müssen, als er sie sah. So viel Angst in ihrem Blick. So viele Fragen. Keine Worte für auch nur eine von ihnen zu finden.
Am Ende blieb nur, ihre Hand zu nehmen.
„Keine Sorge, wir sehen uns wieder.“
Ganz kurz.
Und dann einfach zu gehen.
*
Aus der Ferne sah es tatsächlich aus wie ein … Spiel. Sie alle so klein, so nah nebeneinander, fast unmöglich zu unterscheiden, Kate, Sawyer, Hurley, Jin, Miles, Sayid, Juliet … Daniel lag immer noch vor ihr am Boden. So wenig von der Angst, der Sorge, der Hilflosigkeit zu spüren. Aus der Ferne war immer alles … einfach.
Als Richard neben sie trat, wußte sie genau, was er sagen wollte. Wußte, er würde sie noch mal fragen, warum sie das getan hatte, und konnte ihm wieder nicht antworten. Weder daß sie glaubte, Daniel hätte es nicht getan, nicht tun können, sich vielleicht sogar von der Dharmatruppe abhalten lassen und darum nicht gehen dürfen, noch das andere …. Richard würde ihr noch mal nicht glauben, wenn sie sagte, sie wüßte nicht, was als nächstes kam, noch mal fragen, ob sie nicht bleiben wollte. Er würde sogar sagen, es machte ihm nichts aus, noch mal jemanden sterben zu sehen, so wie damals seine geliebte Isabella, wenn es nur bedeutete, bis dahin blieb noch Zeit für sie beide, zusammen. Es blieb noch Zeit. Aber …
All das durfte sie ihn nicht sagen lassen. Durfte nur den Kopf wenden, ihn ansehen. Lächeln. Ihm selbst die eine Frage stellen.
„Warum gehst du nicht zu Jacob und bittest ihn, es zurückzunehmen?“
Und dabei zusehen, wie dunkel sein Blick wurde, ehe er ihn abwandte.
„Nein.“
„Warum nicht? Du weißt, er könnte es tun. Er würde es tun, wenn du ihn darum bittest.“
„Nein.“
„Es muß nicht so sein. Du hier, für immer.“ Allein.
„Ellie …“
„Es gibt keine Hölle, Richard. Die gibt es einfach nicht.“
„Vielleicht nicht so, wie ich immer dachte, aber …“, sagte er leise, ehe er verstummte, weil über hundert Jahre noch nicht dafür gereicht hatten, aufzuhören sich zu fühlen, als verdiene er sie trotzdem.
*
Wenn ich den Beutel mit den beiden kleinen Steinen nicht in die Höhle bringe und auch sonst nie jemand, wird alles anders, was je war.
Wenn ich den Beutel mit den Steinen nicht in die Höhle bringe, wird alles anders, als es je war.
Wenn ich den Beutel behalte, wird alles andere nicht wahr.
Wenn ich den Beutel niemals mehr verliere … war alles, was Jack mit dem Pultoniumkern der Bombe in seinem Rucksack auf dem Weg zur Schwanstationbaustelle dachte, fühlte, zu glauben versuchte.
*
Als Miles auf seine Armbanduhr blickte, war es nicht fünf Minuten vor zwölf, aber trotzdem nur noch eine Minute übrig.
Hügel, Wiese, Dschungel und das gelbe Dorf sahen aus wie es in einem Bilderbuch nicht schöner hätte sein können. Seltsam vielleicht nur, daß er nach all seinen Gesprächen mit den Seelen der anderen Welt immer gedacht hatte, in dem Moment, bevor er starb, würde er etwas vollkommen anderes fühlen als … Angst.
Jin starrte auf die Blume im Gras. Starrte auf all die Blätter, die ihre Blüte noch hatte. Konnte sich nicht dazu bringen, sie abzupflücken und noch mal zu zählen anzufangen.
Mist, ich hätte die ganzen letzten Stunden damit verbringen sollen, „Das Imperium schlägt zurück“ zu schreiben. Richtig schön eine Seite nach der anderen mit ein paar Verbesserungen hier und da, damit wir wenigstens die verflixten Ewoks am Ende nicht kriegen. Im Dharma-Dorf gibt es bestimmt einen Briefkasten. Und George Lucas wird der Briefträger in L.A. schon finden. Dann hat er seine Fortsetzung und kann sich einfach gemütlich hinsetzen und in seinem Erfolg sonnen, dachte Hurley, weil das einfacher war als alles, alles andere.
Sayid wußte nicht mehr wo es geblieben war, das Foto. Ob „zu Hause“ in irgendeiner Schublade oder doch im alten Camp am Strand. Hatte es verloren, nicht wiedergefunden, nicht mehr zum Halten in der Hand bei sich. Aber er wußte, wie es aussah, kannte jede einzelne Linie, jede Farbe, jeden Schimmer in Nadias Augen. Konnte nicht aufhören, sich zu fragen, ob sie es gewußt hatte, all das hier, als sie damals vor so vielen Jahren noch auf seine Rückseite geschrieben hatte: Ich seh dich in einem anderen Leben wieder, wenn nicht in diesem …
Aaron hatte ganz feines blondes Haar, das aussah wie Gold, wenn die Sonne darauf schien. Wenn er morgens aufwachte, strahlten seine blauen Augen, jeden Tag wieder, so als wäre es der allererste seines Lebens. Zu wissen, wenn alles klappte, wenn tatsächlich passierte, was passieren sollte und Claire von nun an diejenige sein würde, die ihn morgens weckte, von ihm angelächelt wurde, ihn im Arm halten durfte und sich mit ihm zuhause fühlen, machte alles, alles besser. Wirklich. Das reichte, um den bloßen Versuch richtig zu nennen. Selbst wenn sie alle sich im Flugzeug dann nicht mal mehr an seinen Namen würden erinnern können oder daran, daß sie einander überhaupt kannten. Zu wissen, Claire und Aaron würden wieder zusammen sein, war alles, was zählte.
Trotzdem wünschte Kate, da wäre eine Hand, die ihre hielt. Eine Hand, die sie halten konnte. Es mußten ja keine Worte dazu fallen. Kein „Alles wird gut, wir tun das Richtige, zum ersten Mal, wirklich.“ Nur eine Hand. Aber sie standen alle zu weit auseinander. Miles, Sayid, Juliet, Daniel, Jin, Hurley. Nur Sawyer sah sie an.
Sah sie an und nicht wieder weg.
*
Daniel hatte Recht gehabt. Auf der Baustelle herrschte Chaos. Der Bohrer über der Grube ratterte ohrenbetäubend, obwohl längst niemand ihn mehr bediente. Metallstangen, Ketten, Maschinenteile, Werkzeugkoffer, Schrauben, Waffen, ein ganzes Auto … nichts fand mehr Halt, wurde vom Boden gelöst, in das Bohrloch gesogen. So viele kopflose Menschen überall.
Niemand achtete auf Jack.
Dem einzigen Wachposten an der Straße hatte ein Schlag gereicht.
Das Loch vor ihm im Boden war so tief, unmöglich bis auf seinen Grund hinunterzusehen.
Seine Augen geschlossen.
Die Bombe in der Hand.
Nicht mal die Finger zitterten mehr …
Was auch immer hier jetzt passiert, was auch immer „Wunderinsel“ bedeutet, was auch immer ich in meinem Leben alles falsch gemacht habe, ich möchte trotzdem meinen Vater wiederfinden …
… als er die Bombe fallenließ.
Der Aufprall war lautlos. Der Blitz, gleißend hell, und dann … nichts mehr da.
* * *
„Was ist passiert?“
Das Summen dröhnte in den Ohren, das Kribbeln im Magen so anders als selbst nach dem längsten Karussellfahren. Die Luft … seltsam trocken. Kratzte im Hals.
Bernard schüttelte den Kopf.
„Das müssen die seltsamsten Turbulenzen gewesen sein, die ich je erlebt habe.“
„Waren sie, ohne Zweifel“, sagte Rose, klopfte ihm mit der Hand gegen die Wange, lächelte. „Aber jetzt sind sie vorbei.“
Stewardessen kamen den Gang entlang, so ewig freundlich, hilfsbereit, eifrig.
„Alles in Ordnung bei Ihnen“, fragte Cindy
„Ja. Danke, hier ist alles okay.“
„Gut“, sagte Cindy. Und „Wer hätte das gedacht?“ noch dazu. Zwinkerte, eilte weiter, hörte Hurley murmeln.
„Es hat funktioniert. Es hat … funktioniert.“ Sah, wie er den Kopf drehte, neben sich blickte, hinter sich, überall um sich herum. So viele Blicke, die seinen trafen, und als er unter ihnen Charlies entdeckte, fühlte er sich wie der größte Glückspilz auf Erden.
„Ladies und Gentlemen, hier spricht Ihr Kapitän, Frank Lapidus. Wir setzen nun zur Landung an. Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu dürfen, daß es ein ganz wundervoller Tag in Los Angeles ist. 23 Grad, 8 Meilen Sichtweite und Wind aus Südwest mit 4 Meilen pro Stunde. Schnallen Sie sich an, wir sind fast zu Hause und werden in wenigen Minuten wieder sicher auf dem Boden sein. Vielen Dank, daß Sie mit Oceanic-Air geflogen sind.“
*
„Ich versteh trotzdem noch nicht“, sagte Claire zu Charlie in einer etwas abgeschiedenen Ecke des Flughafenwartebereiches, auf dem sie sich alle wortlos gefunden hatten, weil es nach einer so durchdringenden Erkenntnis wie dieser unmöglich war, einfach mit dem Leben fortzufahren. Seinen eigenen Weg weiter zu gehen. Zu tun als wäre nichts passiert. Als wären „Turbulenzen“ wirklich alles, was ihnen auf diesem Flug widerfahren war.
„Alles, was passiert ist, ist nicht passiert, aber wir kennen uns trotzdem?“
„Nein, wir erinnern uns“, sagte Charlie.
„Du meinst wie an einen Traum?“
„Nein, ich meine so wie man sich an etwas erinnern, das lange her ist, aber trotzdem … wahr.“
„Aber das ergibt keinen Sinn.“
„Hurley hat gesagt, Eloise meinte, niemand könnte voraussehen, was sich ändern würde, aber wir würden es spüren. Ich schätze, das hier, das ist es wohl, was sie meinte. Wir sind wieder hier, aber wir waren trotzdem da. Die Zeit ging einfach da weiter, wo sie zwischendurch … Pause gemacht hat.“
„Aber wo sind die anderen?“
„Na ja, ob die Veränderung schon 1977 angefangen haben oder nicht, die, die sowieso nicht mit im Flugzeug waren, können ja eigentlich auch nicht hier sein. Die machen wahrscheinlich genau das, was sie gemacht hätten, wären sie uns nie begegnet. Oder wir ihnen.“
„Ja, aber was würde das sein?“
„Keine Ahnung. Daniel zum Beispiel ist vielleicht was ganz anderes geworden als Zeitreiseforscher. Vielleicht Schauspieler, Musiker, Pianist. Juliet ist bei ihrer Schwester. Rousseau und ihr Schiff sind nie auf der Insel gelandet und Alex vielleicht irgendeine superschlaue Ehrenstudentin geworden. Miles könnte mit seinen Superkräften ein cooler Cop geworden sein, denn so was könnte ihm dabei doch sehr gelegen kommen. Ben ist vielleicht sogar Lehrer, für Geschichte oder so.“
„Ja, klar“, sagte Claire und lachte.
„Wer weiß, könnte doch alles sein, oder nicht?“
„Mhm, sicher. Aber wo ist Locke?“
„Also das …“, sagte Charlie und ließ seinen Blick einmal mehr schweifen. Was unsinnig war, denn er wußte, Locke war nicht da. Er war nicht im Flugzeug gewesen, weder mit Rollstuhl noch ohne. Er war nicht mit ihnen zusammen ausgestiegen und soweit er sich erinnern konnte auch zuvor nicht mit ein.
Locke war nicht da, und er war nicht mal der einzige, aber das bemerkten Claire und Charlie nicht. Das hatten sie vergessen.
Hurley hatte es nicht. Er konnte nicht sicher sagen, wann zwischen all den wissenden Blicken, den Lächeln, der allgemeinen Erleichterung und den lang vermißten Gesichtern von Shannon, Boone, Walt, Michael und Sun es ihn gepackt hatte. Gepackt, die Luft abgeschnürt und nicht mehr losgelassen, bis am Ende Tränen kamen.
Da hatte er schon abseits gestanden. Sich abwenden müssen. Sich so gewünscht, niemand würde ihn weinen sehen und doch nicht verhindern können, daß Rose ihn fand.
„Was ist denn los, Liebling?“
„Jack ist nicht hier. Er ist nicht … hier. Ich meine, er hat uns alle gerettet. Er hat dafür gesorgt, daß wir alle sicher nach Hause kommen, und er ist nicht hier.“
Und sich von ihr in die Arme nehmen lassen und halten, wie ein kleiner Junge.
*
Nichts sah anders aus. Da waren nirgendwo Spuren, Male, Überbleibsel, auch nur der kleinste Kratzer oder ein Hauch von Schmutz. Finger, Hände, Arme … sahen aus wie sie ausgesehen hatten, solange sie sich erinnern konnte. Und Kate wußte, die Riemen ihrer Tasche hatten sich genau so angefühlt, als sie sie in Sydney abgegeben hatte, wie sie sich anfühlen würden, nahm sie sie nun wieder vom Gepäckband herunter. Wußte, es lagen eigentlich nur vierzehn Stunden Flug dazwischen, aber auch, wie viele andere Dinge ihre Hände seit dem getan hatten, gehalten, berührt. Konnte nicht aufhören, sie anzustarren. Sich zu fühlen, als würde an ihnen irgend etwas fehlen. Verpaßte, nach ihrer Tasche zu greifen. Sie wurde trotzdem vom Band gehoben, von anderen Händen.
„Danke.“
„Gern geschehen.“
Sawyers Blick wollte ihr Tränen in die Augen treiben.
„Willkommen in L.A. Wer hätte das gedacht.“
„Ja …“
Sein Haar sah kürzer aus als … sonst. Ein bißchen nur. Alles andere war … wie immer.
„Magst du mir jetzt verraten, was du vorhast, nachdem wir gelandet sind?“
Er schmunzelte nur. Streckte seine andere Hand aus, nahm ihre.
„Könnte ich machen.“
Zog sie mit sich. Warf genau wie sie noch mal einen Blick durch die Halle. Konnte genau wie sie einmal mehr Jack in ihr nicht finden.
* Auf der Insel *
Alles war so sanft, so ohne Ton, so wie für alle Ewigkeit. Die Bambusstämme ragten bis in den Himmel, ihre Blätter flatterten nicht im Wind, sie wogen. Das einzige, was störte, zu wissen, er hatte das schon mal genau so gesehen. Genau so. Das plötzliche Rascheln gehört, das die Stille zerbrach, die trappelnden Hundefüße, Vincents Schnauze an seinem Gesicht, den wedelnden Schwanz, als er vorbeilief und wieder verschwand. Und der Gedanke, wenn er einfach aufstand, sich wirklich, wirklich Mühe gab, die Zähne fest zusammenbiß und wieder zum Strand hinunterlief, oder auch ging, Schritt für Schritt, und wieder das Flugzeugwrack fand, dann …
Aber den Gedanken weiterzudenken war unsinnig, weil er es nicht konnte. Weggehen, aufstehen, sich bewegen.
Christian kam vorher.
„Jack …“
Kam einfach von … er wußte nicht woher. In einem Moment nicht da, im anderen doch, im nächsten nur noch der Wunsch übrig, seine Hand zu spüren, ehe seine Augen zufielen.
* Donnerstag, 30. Dezember 2004 *
Einer der Wege war immer noch zu sehen. Malte eine sacht gewundene Schneise in das hüfthohe Gras unten im Tal, das alles andere so wunderbar zu überwachsen verstanden hatte. Kein einziges verlorenes grellgelbes Brett mehr zu sehen, nicht mal ein vergessener Schuh. Daß die Welt sich derart und tatsächlich vor den eigenen Augen verändern konnte, Menschen verschwinden und ganze Lebensbereiche mit ihnen … nun, überraschen hätte es ihn sicher nicht sollen. Doch selbst wenn seit dem siebenundzwanzig Jahre vergangen waren, wußte er immer noch nicht, ob all das bedeutete, er würde eines Tages aufhören können, zu warten. Ob „eines Tages“ morgen war, nächste Woche, oder vielleicht sogar heute.
Natürlich hatte er einen Abstecher zum Steg gemacht, nachdem er das Grab neben dem Bambuswald ausgehoben hatte. Erneuern taten ihn die anderen unter seiner Anleitung jedes Jahr, denn das U-Boot war und blieb die sicherste Variante, die Insel zu erreichen, wenn man denn wußte wie und … wollte. Fast dreißig Jahre ohne einen Anführer, ihre Anführerin. Ruhige Jahre, ungestörte Jahre, lange Jahre …
Und als er es hinter sich rascheln hörte, so plötzlich, so mitten in diesen Gedanken hinein, da dachte er nicht an die Wunder, die diese Insel immer wieder zu offenbaren vermochte. Dachte nicht, es könnte statt ihrer womöglich auch Charles sein, der sich das U-Boot Untertan machte. Dachte nicht mal, wie oft er in all diesen langen Jahren mit ein und derselben Bitte auf dem Weg zu Jacob gewesen war, nur um am Ende eine völlig andere zu stellen und auch dabei immer wieder dieselbe Antwort zu bekommen: „Hab Geduld, es wird jemand kommen.“ Er dachte nur daran, daß nicht mal alle Zeit der Welt vor Überraschungen zu wahren vermochte.
„Hallo Richard. Endlich hab ich dich gefunden. Jacob schickt mich.“
Und was hätte er da anderes sagen können als: „Ich hab schon auf dich gewartet, John Locke.“
* Ende *
|